In der Schlacht von Waterloo, einem Ort südlich von Brüssel, trat die französische Armee unter Napoleon Bonaparte zum entscheidenden Kampf gegen alliierte Truppen unter dem britischen Duke of Wellington und dem preußischen Feldmarschall Fürst Blücher von Wahlstatt an. Nach einer heftigen Schlacht war Napoleon besiegt und bis zu 50.000 Männer lagen tot oder verwundet auf dem Schlachtfeld. Zeitzeugen berichteten damals von Kolonen von Verwundetentransporten, die verletzte Soldaten in Feldlazarette der Umgebung oder in Krankenhäuser nach Brüssel brachten.
Nur wenige Knochen gefunden
Umso erstaunlicher ist es, dass bis heute kaum Überreste der unzähligen Toten der Schlacht von Waterloo gefunden wurden. So gibt es zwar Gebeine unklarer Herkunft im Museum von Waterloo, außerdem entdeckten Archäologen des Projekts Waterloo Uncovered 2015 erstmals ein vollständiges menschliches Skelett beim Bau eines neuen Museums und Parkplatzes. 2019 stießen sie zudem in einem Areal in Mont St Jean, das bei der Schlacht als Feldlazarett gedient haben soll, auf mehrere Beinknochen, die möglicherweise von Amputationen verletzter Soldaten stammen. Doch von Massengräbern toter Soldaten fehlt bisher jede Spur.
Um einer Lösung dieses Rätsels näher zu kommen, hat Tony Pollard, der Leiter des Zentrums für Schlachtfeld-Archäologie der University of Glasgow jetzt noch einmal historische Zeugnisse aus der Zeit direkt nach der Schlacht von Waterloo zusammengetragen und ausgewertet. “Waterloo hat schon Besucher angezogen, fast bevor sich der Rauch ganz verzogen hatte”, erklärt er. Schon wenige Tage nach der Schlacht kamen Menschen aus der Umgebung, aber auch Touristen aus England und anderen an dem Konflikt beteiligten Ländern, um sich das berühmte Schlachtfeld und den Ort von Bonapartes Niederlage anzuschauen. Unter den Besuchern waren Schriftsteller, Diplomaten und auch Maler, die das Schlachtfeld und die Aufräumarbeiten porträtierten. Auch der berühmte englische Dichter Sir Walter Scott stattete Waterloo zwei Monate nach der Schlacht einen Besuch ab.
Verbrannt statt begraben?
Diese frühen Schlachtfeld-Touristen berichteten über ihre Eindrücke in Briefen und anderen Schriftstücken in teils bedrückenden Schilderungen. So beschrieb die Engländerin Charlotte Eaton, dass nach der Schlacht so viele Tote zu bestatten waren, dass sie nicht in die ausgehobenen Massengräber passten: “Die Gruben waren gegraben, aber ihre Füllung ragte über die Bodenoberfläche hinaus”, schreibt sie. “Diese furchtbaren Haufen wurden daher mit Holz bedeckt und angezündet.” Ähnliches schildert auch James Ker, ein schottischer Händler, der damals in Brüssel lebte und direkt nach der Schlacht Waterloo besuchte: “Auf der französischen Seite des Felds war der Gestank so schlimm, dass man es für vernünftig hielt, die Toten, Männer und Pferde, aus Mangel an Zeit und Helfern zu verbrennen statt sie zu begraben.”





