Denn gegen die Pest, die London im 17. Jahrhundert heimsuchte und in diesem Jahr die Stadt so schwer traf, dass man noch heute von der „Großen Pest“ von 1665 spricht, gab es kaum andere Abwehrmöglichkeiten als die Schließung öffentlicher Einrichtungen und Geschäfte, die Quarantäne von Infizierten in ihren Häusern und auf einlaufenden Schiffen – oder die Flucht. Ein Großteil des königlichen Hofstaats zog sich auf dem Höhepunkt der Epidemie nach Oxford zurück und kehrte erst zurück, als die Gefahr erkennbar abgeebbt war.
Daten sammeln zum Schutz vor der Epidemie
Deshalb war es für die Londoner überlebenswichtig, möglichst früh zu erfahren, in welchen Wohnvierteln der Stadt die Seuche grassierte. Seit den Tudors hatte man dafür ein Frühwarnsystem entwickelt: die sogenannten „Bills of Mortality“. In den Pfarreien der Stadt erfassten „Searchers“ die Todesursache von Verstorbenen nach Augenschein oder durch Befragung von Angehörigen und Ärzten. Diese Aufgabe übernahmen meist Frauen mit geringem Einkommen oder Witwenrente, die sich mit dieser Arbeit ein kleines Zubrot verdienten – obwohl die Leichenschau gerade in Zeiten der Pest durchaus riskant war und es ihnen in der Regel an medizinischem Fachwissen mangelte.
Die Informationen über die Todesursachen gaben sie an die Verwaltungen der jeweiligen Pfarreien weiter, die diese dann zusammenfassten und jede Woche an ihre Gilde, die „Company of the Parish Clerks“, meldeten. Diese organisierte eine wöchentliche Druckausgabe der „Bills of Mortality“ mit Tabellen für fast alle Stadtviertel von London, nach Pfarrbezirken und Todesursachen aufgeschlüsselt, die man immer donnerstags erwerben konnte. Deren Verkauf erwies sich als einträgliches Geschäft. Mit der Zeit hatte man dieses System deshalb immer weiter perfektioniert, auch Taufen aufgenommen oder die Zahlen nach Geschlecht getrennt erfasst.
Die „Bills of Mortality“ beinhalteten schließlich über 100 unterschiedliche Risiken, zu Tode zu kommen. Darunter war eine Bandbreite von noch heute vorherrschenden Sterblichkeitsrisiken wie Krebs, kardiovaskulären Erkrankungen oder Infektionskrankheiten, aber auch damals tabuisierte Todesursachen wie Geschlechtskrankheiten, psychische Erkrankungen und Selbstmorde, Unfälle, Morde oder sogar der Tod auf dem Schafott. Vor allem aber interessierte die Menschen, die in den dichtgedrängten Wohnhäusern der Altstadt von London lebten, die Zahl der Pesttoten.
Der Tod war im Alltag der Menschen im 17. Jahrhundert jedenfalls stets gegenwärtig. Aber es wäre verfehlt, diese Zeit deshalb als „dunkles Zeitalter“ anzusehen. Insbesondere die Wissenschaft blühte auf: Der englische Staatsmann und Philosoph Francis Bacon (1561–1626) hatte eine Denkschule begründet, die in Experiment und Beobachtung der Wirklichkeit den Ausgangspunkt aller wissenschaftlichen Erkenntnis sah – und nicht etwa in der Heiligen Schrift oder anderen Vorfestlegungen.





