Sebastian Castellio, dessen 500. Geburtstag wir in diesem Jahr feiern, war ein Mann vom Geist des Erasmus: christlicher Humanist, Philologe, Pädagoge, Theologe; vor allem Kämpfer für religiöse Toleranz. Seine pädagogischen Schriften und seine lateinische Bibelübersetzung wurden bis ins 18. Jahrhundert nachgedruckt und für den Latein- und Religionsunterricht in vielen Ländern Europas verwendet. Seine Argumente für Religions- und Gewissensfreiheit sind gerade heute aktuell. Trotzdem ist dieser Mann in Deutschland noch weithin unbekannt. Dabei schrieben der französische Friedensnobelpreisträgers Ferdinand Buisson und der Schweizer Historiker Hans R. Guggisberg seine Biographie; und seine Kontroverse gegen Johannes Calvin wurde vor allem durch Stefan Zweigs Roman „Ein Gewissen gegen die Gewalt“ bekannt – das Buch wurde in viele Sprachen übersetzt und allein in Deutschland 100 000mal verkauft.
Über Castellios Jugendzeit wissen wir wenig. Wir kennen nicht einmal das genaue Datum seiner Geburt, lediglich das Geburtsjahr 1515. Er wurde in Saint-Martin-du-Fresne (Herzogtum Savoyen) geboren. Seine Eltern waren einfache, rechtschaffene Bauersleute, die ihm keine große Bildung, wohl aber eine fromme Lebensführung und das Empfinden für Gerechtigkeit vermittelten. Saint-Martin-du-Fresne liegt heute im französischen Departement Ain, auf halber Strecke zwischen Lyon und Genf. Beide Städte haben das Leben des jungen Mannes geprägt. In Lyon, einem Schnittpunkt französischer und italienischer Kultur, empfing er die Grundlagen humanistischer Bildung. Hier wurde er zum klassischen Philologen; hier hat er, wohl im Januar 1540, die ersten „Ketzerverbrennungen“ evangelischer Christen miterlebt. …
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Dr. Uwe Plath





