Point de vue du Gras“ – „Blick aus einem Fenster von Le Gras“ nannte Niépce das Bild, das er im Frühherbst 1826 aus seinem Arbeitszimmer in der Bourgogne aufnahm. Auf dem Original ist kaum mehr zu sehen als dunkle Schatten und gräuliche Flächen; mit viel Phantasie erkennt man Häuserfassaden und Dächer in einem engen Innenhof. Das Bild im Format von 16,5 mal 21 Zentimetern nahm Niépce mit einer Camera obscura auf, der Urversion des Fotoapparats (siehe Info und Foto unten); die Belichtungszeit betrug rund acht Stunden.
Niépce, Offizier der französischen Armee, Tüftler und Erfinder, nannte das Verfahren Heliographie, eine Kombination aus zwei griechischen Wörtern (helio = Sonne, und graphein = zeichnen oder abbilden). Das Experiment gilt als Geburtsstunde der Fotografie, weil es ihm gelang, erstmals eine fotografische Abbildung dauerhaft herzustellen. Für die Entwicklung beschichtete er eine Zinnplatte mit Asphalt. Die unterschiedliche Belichtung erzeugte hellere und dunklere Stellen. Die Asphaltschicht löste er wieder mit einem Gemisch aus Lavendelöl und Petroleum von der Zinnplatte.
Niépce konnte den Ruhm als Erfinder der Fotografie jedoch nicht genießen, dazu war die Heliographie technisch nicht ausgereift genug und taugte daher auch nicht zur kommerziellen Verwertung. Immerhin musste 126 Jahre später seinetwegen die Geschichte der Fotografie neu geschrieben werden: 1952 hatten Fotohistoriker in London die Zinnplatte wieder entdeckt und einen realistisch wirkenden Abzug angefertigt (Bild oben rechts). Bis dahin galt die so genannte Daguerreotypie als Beginn des fotografischen Zeitalters.
Der Maler Louis Daguerre (1787– 1851), mit dem Niépce eine Art Forscherpartnerschaft eingegangen war, entwickelte nach dessen Tod ein eigenes Verfahren, das er nicht ohne Stolz nach ihm selbst benannte, zumal es auch für den Markt interessant war. 1839 präsentierte er seine Erfindung bei einer Sitzung der Pariser Akademie der Wissenschaften.
Daguerre machte versilberte, spiegelglatt polierte Kupferplatten mit einer Stärke von bis zu 0,75 Millimetern lichtempfindlich und entwickelte die Bilder mit Hilfe von Quecksilberdämpfen. Damit gelangen ihm nahezu realitätsgetreue Aufnahmen, wie man sie bislang nicht kannte. Auch die Belichtungszeit war radikal verkürzt worden, so dass bereits kleinformatige Porträtaufnahmen möglich waren, die sich großer Beliebtheit erfreuten. Doch bedeutete der Einsatz von Quecksilber ein hohes Gesundheitsrisiko: Viele Fotografen starben an Vergiftung, ehe das Entwicklungsverfahren verbessert wurde.
Autor: Rudolf Gruber





