Für das Volk der Achuar in dem abgelegenen Dorf Wampuik in Ecuador, nahe der peruanischen Grenze, ist Weihnachten ein neues Fest, sie feiern es erst seit den späten 70er Jahren. Prof. Dr. Anna Meiser vom Institut für Ethnologie hat die Feierlichkeiten dort vor Ort miterlebt, um Feldforschung für ihre Dissertation zu betreiben. Nachdem einer der drei Katecheten der katholisch-autochthonen Kirche alle Dorfbewohner um Mitternacht mit einer Trommel geweckt hat, beginnt um zwei Uhr nachts der Gottesdienst. Ein wichtiger Bestandteil ist die so genannte Parallelisierung zwischen den biblischen Erzählungen und der indigenen Mythologie. „Die Theologie der katholisch-autochthonen Kirche beruht darauf, dass der Gott der Achuar und der Gott der Bibel derselbe ist. Demnach bringen die Missionare aus ihrer Sicht keinen neuen Gott, sondern nur die Fortsetzung seiner Geschichte“, so Meiser. In dem Gottesdienst erzählen die drei Katecheten daher zunächst einen Mythos der Achuar und verknüpfen diesen dann mit der Weihnachtsgeschichte. Typisch ist der Mythos vom Kolibri Jempe, der den Achuar in einer kalten Zeit das Feuer wiederbringt, indem er seinen eigenen Schwanz in Brand setzt. Der aufopferungsvolle Kolibri aus dem alten Mythos steht für das Jesuskind der neuen Religion. Später feiert die gesamte Dorfgemeinschaft mit etwa 500 Einwohnerinnen und Einwohnern im Versammlungshaus das große Weihnachtsfest. Programmpunkte sind ein Krippenspiel und Spiele für die Kinder, zudem gibt es ein großes gemeinsames Essen. „Im Vordergrund steht das dörfliche Zusammensein über einen Tag hinweg. Das Fest hat einen ausgeprägten sozialen Charakter“, erklärt Meiser. Das einzige Geschenk, das die Kinder bekommen, ist eine Tüte mit Süßigkeiten wie Keksen und Bonbons, die ihnen ihre Lehrerin oder ihr Lehrer gibt. Zuletzt klingt der Tag mit einem weiteren festgelegten und für die Achuar wichtig gewordenen Programmpunkt aus – einem Fußballspiel, bei dem das ganze Dorf teilnimmt oder zuschaut und das sich bis in den Nachmittag zieht. Die Bewohnerinnen und Bewohner des Regenwaldes feiern Weihnachten größtenteils im Freien, denn die Temperaturen können bis zu 30 Grad betragen.
Die orthodoxe Kirche in Russland feiert Weihnachten nach dem Julianischen Kalender am 7. Januar. An diesem kirchlichen Fest beteiligen sich jedoch nur sehr religiöse Menschen, stattdessen sind die Neujahrsfeierlichkeiten am 31. Dezember das größte Familienfest. Denn beim Neujahrsfest vereinen sich die Bräuche von Weihnachten, Silvester und Fastnacht. Die Menschen stellen einen Weihnachtsbaum auf und laden Familie und Freunde zu einem großen Festmahl ein. Väterchen Frost bringt mit seiner Assistentin Schneeflöckchen die Geschenke. Um Mitternacht stoßen die Feiernden bei einem Feuerwerk auf das neue Jahr an. Außerdem setzen sich vor allem die Kinder Tiermasken auf und tanzen damit um den Weihnachtsbaum. „Nach Beginn der Oktoberrevolution im Jahre 1918 bis zur Überwindung des Kommunismus war es in Russland verboten, Religion öffentlich zu praktizieren und religiöse Feste zu feiern. Doch weil die Menschen ihre Traditionen beibehalten wollten, sind diese auf den Neujahrstag verlegt worden“, sagt Dr. Heidrun Igra vom Slavischen Seminar der Universität Freiburg.





