Am Leitkonzept einer „politischen Sozialgeschichte“ orientiert, werden in vier Großkapiteln Handlungsperioden, -träger und -ebenen genauestens beschrieben: Begründung und Bedrohung der Demokratie 1918 bis 1923; Deutschland in den 20er Jahren: eine Gesellschaft zwischen Beharrung und Fortschritt; Stabilisierung auf gefährdeter Grundlage 1924 bis 1930; Wirtschaftsde-pression, Staatskrise und nationalsozialistischer Angriff: der lange Untergang der Republik.
Ursula Büttner hat den Anspruch, nichts auszulassen; das Buch hat das Prädikat äußerster Verlässlichkeit verdient. Das Bemühen um Genauigkeit im Kleinsten geht freilich auf Kosten der Erzählqualität. Hervorzuheben aber ist der Anhang zu dieser Darstellung: 100 Seiten systematisierte Quellen- und Literaturübersicht, eine Zeittafel von über 20 Seiten und 30 Seiten vorzüglich gestalteter Tabellen und Graphiken.
Das zweite Kapitel, das die gesellschaftliche Entwicklung beschreibt, lässt der Autorin Raum für weiter ausgreifende Fragestellungen und Interpretationen. Hier wird etwa die Emanzipation der Frau in den 20er Jahren vor dem Hintergrund von Eherechtsreformen beschrieben, die „neue Frau“, leger gekleidet und mit Bubikopf, aber auch als ein Erzeugnis der Medien gesehen und auf die sozialen Grenzen dieses Typus (städtische Mittel- und Oberschicht) verwiesen.
Auch das Kapitel über die „Juden in der Demokratie von Weimar“ ist mit großer historischer Sensibilität verfasst. Die Autorin stellt neben die vielen antisemitischen Attacken das sich aus der vollen rechtlichen Gleichstellung mit anderen deutschen Bürgern ableitende gesteigerte jüdische Selbstbewusstsein und ein sich verstärkendes Gefühl jüdischer Schicksalsverbundenheit. Dennoch zeige der Blick auf die Alltagserfahrungen dieser Minderheit, wie schwach im Grunde das demokratische Fundament der Weimarer Republik gewesen sei.
Es wurde weiter ausgehöhlt in der Regierungszeit Brünings, die einen Schwerpunkt der Darstellung bildet. Das Buch trägt der Ambivalenz dieses Präsidialkanzlers Rechnung, dessen zwei Nachfolger, Papen und Schleicher, selbst den „rudimentären Parlamentarismus“ der Brüning-Zeit ablehnten und ein autoritäres Regime „mit den Nationalsozialisten als stillen Teilhabern“ anstrebten. Keinen Zweifel lässt die Autorin an der „Verantwortungslosigkeit dieses Treibens“.
Diese große Darstellung regt auch zum Nachdenken an. Sie stellt neben die „Schwächemomente“ des Weimarer Staats die „Stabilität verheißenden Faktoren“. Sie kamen nicht zum Tragen, weil die politisch Verantwortlichen in kritischen Situationen die Kräfte des Volkes überforderten und in der Endphase Weimars politisch verantwortungslos gehandelt wurde.
Rezension: Blasius, Dirk





