Blasius schildert eingehend die einzelnen Phasen politischer Gewalt. Allerdings bleibt er in seiner Betrachtung auf die Ebene der Reichsregierung beschränkt, wenn er anhand der Kabinettsprotokolle die Hilflosigkeit der Kabinette Brüning, Papen und Schleicher, auf die Bürgerkriegssituation angemessen zu reagieren, untersucht. Er nennt zum Beispiel die Unfähigkeit, ein Uniformverbot durchzusetzen, das dem martialischen Auftreten der Kampfbünde ein Ende bereitet hätte. Der Leser erfährt solide Fakten über die Zunahme der Zahl der Toten und Verletzten; einzelne Fälle wie der sogenannte Altonaer Blutsonntag im Juli 1932 oder der brutale Mord an einem kommunistischen Arbeiter im schlesischen Potempa im August desselben Jahres werden nicht ausgespart.
Aber Blasius beschreibt die Gewalt gewissermaßen aus der fernen Berliner Perspektive und im Hinblick auf das Handeln der Regierung. So erfährt man viel über die kriegerische Haßsprache in der Propaganda von NSDAP wie KPD und über die Berliner Machtintrigen, die bereits auf die Abschaffung der demokratischen Republik zielten, insbesondere über die Absetzung der preußischen Regierung im Sommer 1932. Ebenso kommen die Planspiele im Reichswehrministerium zu einem möglichen Bürgerkrieg ausführlich zur Sprache, den zu verhindern sich das Militär jedoch außerstande sah.
Dagegen gerät die konkrete, eskalierende Gewaltpraxis, die ausgeübte wie die erlittene, aus dem Blick. Über die Akteure der Gewalt, die SA, den kommunistischen „Rotfrontkämpferbund“, das sozialdemokratische „Reichsbanner“, über deren Mitglieder, Gewaltintentionen wie -erfahrungen schreibt Blasius kaum, und so ist es vielleicht nicht verwunderlich, daß die ausgezeichnete und unverzichtbare Studie von Sven Reichardt („Faschistische Kampfbünde“, Köln 2002) gar keine Berücksichtigung findet. Die konzeptionelle Konzentration auf den Bürgerkrieg birgt zudem die Gefahr, die Geschichte in einem vereinfachenden Freund-Feind-Schema anzuordnen. Für Blasius stellt sich das Weimarer Ende als ein anhaltender Bürgerkrieg dar, der von der militanten Linken, in erster Linie der KPD, ausging, und von der NSDAP entsprechend brutal beantwortet wurde. Ohne Zweifel wollten beide Seiten von Anfang an die Zerstörung der jungen Republik, aber die Eskalation der Gewalt entwickelte sich doch komplexer, als sie Blasius schildert.
Und die antisemitische Gewalt, die schon in der Weimarer Zeit stets präsent war, erscheint bei ihm leider überhaupt nicht. So bleibt der Leitbegriff dieses Bandes auf eine eigentümliche Weise papieren: Es ist ein Buch über den Bürgerkrieg – ohne den Bürgerkrieg.
Rezension: Wildt, Michael





