Im Laufe der Menschheitsgeschichte waren Oliven (Olea europaea) und Trauben (Vitis vinfera) stets wichtige Kulturpflanzen. Ungeachtet der historischen innen- und außenpolitischen Entwicklungen im Nahen Osten hatten sie durchgängig einen hohen Stellenwert. Denn sie haben einen hohen Nährwert und man kann aus ihnen wertvolle Handelsgüter wie Olivenöl und Wein herstellen. „Oliven und Trauben waren wichtige Kulturpflanzen, die sowohl Nahrungsmittel für die Einheimischen als auch exportierbare Rohstoffe lieferten, was den Handel zwischen der Levante und Mesopotamien und darüber hinaus mit Ägypten, der Türkei und dem weiteren Mittelmeerraum erleichterte“, erklärt Seniorautor Dan Lawrence von der Durham University. Wo diese Pflanzen und ihre Früchte gut wuchsen, schwankte jedoch im Laufe der Zeit aufgrund von Veränderungen der Kultur und des Klimas.

Pflanzenproben aus der Bronze- und Eisenzeit
Wie sich die landwirtschaftlichen Praktiken in Bezug auf Weintrauben und Oliven im Nahen Osten verändert haben, hat nun ein Team um Lawrence und Erstautorin Simone Riehl von der Universität Tübingen näher untersucht. Dafür nahmen die Forschenden über 1.500 Samen- und Holzproben von verkohlten Pflanzenresten aus archäologischen Stätten in der Levante und in den nördlichen mesopotamischen Regionen. Diese Stätten liegen in sieben klimatischen Zonen in den heutigen Ländern Libanon, Jordanien, Israel, Palästina, Syrien, Türkei und Nordirak und waren von der frühen Bronzezeit bis zur Eisenzeit bewirtschaftet, vor etwa 5000 bis 2600 Jahren. Riehl und ihre Kollegen analysierten und verglichen die Kohlenstoff-Isotope in den Wein- und Olivenproben – als Indikator dafür, wie viel Wasser den Pflanzen während ihres Wachstums zur Verfügung stand.
Dabei zeigte sich, dass die Pflanzen während der frühen Bronzezeit saisonalen und regionalen Feuchtigkeitsschwankungen unterlegen waren und die Hölzer entsprechend Spuren von regelmäßigem Dürrestress aufwiesen. Die Pflanzenproben aus der späten Bronzezeit und Eisenzeit wiesen ebenfalls vereinzelt solche Hinweise für Trockenstress auf. Allerdings waren diese im Jahresverlauf und insgesamt weniger stark ausgeprägt. Zudem fanden die Forschenden Oliven- und Weinpflanzen aus diesen beiden späteren Epochen auch in trockeneren Regionen mit weniger Regentagen.
Diese Verteilung legt nahe, dass die antiken Bauern ab dieser Zeit Bewässerungsanlagen verwendeten, um ihre Kulturpflanzen auch in den trockenen Sommermonaten gleichmäßig mit Wasser zu versorgen. Das ist vor allem mit Blick auf die Weinreben bemerkenswert, die viel Pflege und mehr Wasser brauchen als Olivenbäume. „Insgesamt ist der Weinanbau im Vergleich zum Olivenanbau deutlich arbeitsintensiver, insbesondere in Bezug auf Bodenbearbeitung, Schutz vor Schädlingen und Bewässerung während der Fruchtzeit“, schreibt das Team.

Abwägung bei der Auswahl der Feldfrüchte
Die Ergebnisse decken sich jedoch mit früheren archäologischen Funden, wonach die Menschen seit der Mittleren Bronzezeit vor allem ihre Weinkulturen intensiv bewässerten und Weintrauben auch in schlecht geeigneten, trockenen Klimazonen anbauten. Demnach waren Trauben und Wein damals von besonderem kulturellen und wirtschaftlichen Wert und hatten einen höheren Stellenwert als Oliven und Olivenöl. Dies bestätigen nun die neuen Funde. Sie belegen ebenfalls, dass die Menschen im Nahen Osten sich einst stärker für den Weinbau engagierten als für den Olivenanbau. Denn die Oliven wiesen deutlich häufiger Trockenstress auf als die Trauben, vor allem ab der späten Bronzezeit.
„Unsere Forschung zeigt, dass Bauern in Südwestasien vor 4.000 Jahren Entscheidungen darüber trafen, welche Feldfrüchte sie anbauen und wie sie sie bewirtschaften sollten, wobei sie das Risiko eines Ernteausfalls mit dem Aufwand für die Bewässerung und der wahrscheinlichen Nachfrage nach ihren Produkten in Einklang brachten“, erklären die Forschenden. „Das erinnert uns daran, dass die Menschen in der Vergangenheit genauso klug waren wie die Menschen heute und dass scheinbar moderne Themen wie die Widerstandsfähigkeit gegenüber dem Klimawandel und die Notwendigkeit, Ressourcen sorgfältig zu verteilen, eine lange Geschichte haben“, ergänzt Lawrence.
Quelle: PLOS und Durham University; Fachartikel: PLOS One, doi: 10.1371/journal.pone.0330032





