Kam das erste europäische Hartporzellan nicht aus Sachsen? In einem aktuellen Forschungsbericht wurden drei Gefäße aus dem englischen Vauxhall aus der Zeit um 1680 als Hartporzellan identifiziert. Keramik-Historiker hatten daraus geschlussfolgert, dass möglicherweise bereits vor Johann Friedrich Böttgers legendärer Erfindung englische Hersteller ein Verfahren zur Herstellung von Porzellan entwickelt hätten. Doch Ulrich Pietsch, der Direktor der Staatlichen Kunstsammlungen in Dresden, ist überzeugt: „Die in England gewonnenen Erkenntnisse bieten keinen Anlass, die Geschichtsbücher umzuschreiben. „Nach wie vor gilt die Versuchsaufzeichnung Johann Friedrich Böttgers vom 15. Januar 1708 als die Geburtsstunde des europäischen Hartporzellans. Hier sollte allenfalls ergänzt werden, dass möglicherweise auch anderen Ortes Porzellan hergestellt wurde, das bereits Kaolin enthält, ohne dass die Hersteller dies wussten“, so Ulrich Pietsch. Dafür muss aber zunächst eindeutig bewiesen werden, dass das untersuchte Porzellan wirklich in Vauxhall hergestellt worden ist und es sich nicht etwa um chinesisches Exportporzellan handelt, das in England, vielleicht in der Glashütte in Vauxhall, mit Emailfarben bemalt wurde. Solche Fälle lassen sich in Europa verschiedentlich nachweisen. Auch die Dresdner Porzellansammlung verfügt über derartige Beispiele. Die in England analysierten Gefäße aus weißem Porzellan befinden sich in Burghley House im mittelenglischen Lincolnshire. Im Rahmen technischer Analysen am Imperial College und dem British Museum waren die Gefäße mittels einer Rasterelektronen- und energiedispersiven Röntgenspektroskopie untersucht und in der Folge statt wie bisher dem Weichporzellan dem Hartporzellan zugeordnet worden. Aufgrund der Tatsache, dass die Gefäße bereits in einer Schenkungsurkunde von 1683 verzeichnet waren, schlussfolgerten die Verfasser, dass möglicherweise englische Hersteller schon um diese Zeit der sächsischen Erfindung zuvor gekommen waren.
„Am Forschungszentrum Dresden Rossendorf wurden bereits zahlreiche Kunstobjekte einer zerstörungsfreien Materialanalyse mithilfe eines Protonenstrahls an Luft unterzogen“, so Dr. Christian Neelmeijer, Physiker am Rossendorfer Institut für Ionenstrahlphysik und Materialforschung. Im Jahr 2009 seien auch großflächige Bruchstellen authentischen Meißner Porzellans untersucht und analysiert worden. Die chemische Zusammensetzung dieser Bruchstücke weicht, besonders im Hinblick auf den Gehalt von Aluminiumoxid, von den Ergebnissen ab, zu denen das British Museum bei der Untersuchung der englischen Vasen gekommen ist.“ Dr. Bernd Ullrich, Wissenschaftler am Institut für Keramik, Glas- und Baustofftechnik der TU Bergakademie Freiberg ergänzte, er habe in den vergangenen 20 Jahren eine Vielzahl historischer chinesischer und japanischer Porzellane analysiert. „Die aus diesen Porzellanen ermittelten Daten ähneln jenen Ergebnissen, die von der Forschergruppe des British Museum an den alten keramischen Erzeugnissen aus England veröffentlicht wurden.” Für ihn sei es daher naheliegend, dass die alten historischen Erzeugnisse aus England Weißware aus Ostasien seien, die nachträglich bemalt wurden.





