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Weit oben – und am Rand des Scheiterns
Ganz London schien auf den Beinen zu sein, verstärkt durch Tausende von Zuschauern aus anderen Teilen des Vereinigten Königreichs. Sie alle säumten die zur Westminster Abbey führenden Straßen anlässlich des glanzvollsten Ereignisses der britischen Monarchie: der Krönung eines neuen Monarchen. Wo immer an diesem 22.…
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Der Mann in der Kutsche, Winston Spencer Churchill, quittierte die Huldigungen mit einem Lächeln; die Schmähungen prallten an ihm ab. Seine Laufbahn zeigte steil nach oben. Er gehörte zu den wichtigsten Ministern im Kabinett von Premierminister Herbert Henry Asquith (amt. 1908–1916). Und dass er kaum jemanden gleichgültig ließ, war mehrfach deutlich geworden: Bei einem Streik von Bergarbeitern in Südwales hatte Churchill Truppen zur Unterstützung der Polizei in Bewegung gesetzt, ließ sie aber in Cardiff anhalten und schickte zur Deeskalation 270 unbewaffnete Londoner Polizisten. Als er bei der Belagerung eines Hauses in der Sydney Street, in der sich drei Polizistenmörder verschanzt hatten, offenbar aus Abenteuerlust den Schusswechsel in vorderster Linie miterlebte und der Polizei Anweisungen gab, fanden zahlreiche Kommentatoren dieses Verhalten eines Ministers Seiner Majestät unwürdig. Doch seinem Bekanntheitsgrad taten derartige Episoden gut.
Auch privat lief es glänzend: Kurz vor der Krönung Georgs V. hatte Gattin Clementine den einzigen Sohn des Paares, Randolph, zur Welt gebracht.
Der Hoffnungsträger läuft zur Höchstform auf: „Er hat die Marine bereit gemacht“
Im Oktober 1911 bot ihm Asquith das Amt des First Lord of the Admiralty an, worauf Churchill freudig einging. Damit war er erster Berater der Regierung in Marineangelegenheiten und politischer Leiter der Admiralität. Er stürzte sich mit dem für ihn so typischen Enthusiasmus auf die neue Aufgabe. Knapp 30 Jahre später, als er 1940 zunehmend als ein Kandidat für das Amt des Premierministers angesehen wurde, konnten seine Freunde auf das vielleicht wichtigste Verdienst seiner frühen Jahre verweisen: „He got the Navy ready“ – er habe die britische Marine für den 1914 ausbrechenden „Großen Krieg“ bereit gemacht.
Das maritime Wettrüsten zwischen Großbritannien und Deutschland hatte vor dem Ersten Weltkrieg Fahrt aufgenommen. Churchill betonte, dass sein Land für jedes neue deutsche Schlachtschiff zwei „Super-Dreadnoughts“ (der neueste Typ dieser speziellen britischen Klasse von Schlachtschiffen) in Dienst stellten müsse. Er bestand auf der Umstellung der Antriebssysteme von Kohle auf Öl, trieb den Bau von U-Booten voran, richtete „Room 40“, die erste Dechiffrierabteilung der britischen Streitkräfte, ein und schuf den Royal Naval Air Service (Marineflieger).
Weitreichend – und weitsichtig – war Churchills wichtigster Beitrag zur Marinestrategie: Sein Land solle darauf verzichten, im Mittelmeer ein Geschwader zu unterhalten (das könne der Verbündete Frankreich übernehmen), und die Flotte stattdessen zur Verteidigung der Heimat und für eine mögliche Blockade Deutschlands bei den britischen Inseln stationieren. Gleichwohl bot er Deutschland 1912 ein Moratorium im Wettrüsten an, was Wilhelm II. und seine Regierung ablehnten.
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Als die große Krise im Juli 1914 kam und das britische Kabinett tagelang diskutierte, ob die Weltmacht Nummer Eins neutral bleiben oder auf der Seite Frankreichs und Russlands gegen die Achsenmächte in den sich abzeichnenden Konflikt eingreifen sollte, gehörte Churchill wie Asquith und Außenminister Edward Grey zu den Befürwortern eines Eingreifens, den „Interventionisten“. Er gab der Flotte Anweisung, sich in Scapa Flow zu versammeln. Mit dem Einmarsch deutscher Truppen in Belgien trat Großbritannien am 4. August in den Krieg ein.
Churchill war in seinem Element. An Ehefrau Clementine schrieb er wenige Tage vor der britischen Kriegserklärung: „Alles läuft auf Katastrophe und Kollaps zu. Ich bin interessiert, gespannt und glücklich. Ist es nicht schlimm, wenn man so gemacht ist?“ Wie sehr Churchill auflebte, bemerkte mit kritischem Blick auch sein Kabinettskollege, der spätere Premierminister David Lloyd George: „Man kann sehen, dass er ein wirklich glücklicher Mann ist. Ich frage mich, ob das der richtige Gemütszustand bei Beginn eines so fürchterlichen Krieges ist“, notierte er.
Der „glorreiche, köstliche“ Krieg blieb Churchills großes Stimulans. Dank der totalen Seeherrschaft der Royal Navy konnten Hunderttausende Soldaten der britischen Armee ohne nennenswerte Verluste nach Frankreich übersetzen. Dass Churchill sich an vorderster Front zeigte und die – letztlich erfolglose – Verteidigung Antwerpens zu organisieren suchte, löste Kritik aus. Er sei kein Napoleon, schrieb die „Morning Post“.
Die Katastrophe von Gallipoli wird zum großen Rückschlag
Nichts indes in Churchills langem Leben sollte einen derart dunklen Schatten auf sein Ansehen werfen wie dieser Name: Gallipoli. Er steht für das katastrophale militärische Unternehmen auf der türkischen Halbinsel gleichen Namens, das 1915/16 scheiterte. Churchill hatte nach einem Weg gesucht, angesichts des verlustreichen Stellungskrieges an der Westfront eine Entscheidung anderenorts herbeizuführen. Sein Plan bestand in einer großen amphibischen Operation an den Dardanellen (Gallipoli ist eine diese schmale Meerenge säumende Halbinsel). Damit wollte man Deutschlands Verbündeten, das Osmanische Reich, vernichtend schlagen. Einen Sieg vorausgesetzt, hätte den Alliierten sowohl der Zugang zum russischen Partner über das Schwarze Meer als auch die Südflanke der Achsenmächte, der Balkan, offengestanden. „Das strategische Konzept war vernünftig“, urteilte ein damals 32-jähriger Hauptmann des South-Lancashire-Regiments, der später Partner und auch politischer Rivale Churchills werden sollte: Clement Attlee.
Der Plan mochte gut sein, die Durchführung war es nicht, und Churchill wurde dafür verantwortlich gemacht. Schon am ersten Tag der Operation bei den Dardanellen im März sanken zwei britische und ein französisches Kriegsschiff durch Minen; die Beschießung der osmanischen Festungsanlagen brachte nicht die gewünschten Erfolge. Im Lauf der folgenden Monate landeten mehr als 500 000 alliierte Soldaten auf dem unwirtlichen Terrain, darunter auch ein großes Kontingent aus Australien und Neuseeland. Es entbrannte ein zehnmonatiger Stellungskrieg, in dem allein Großbritannien fast 32 000 Tote zu beklagen hatte. Die Gesamtverluste (Tote, Verwundete, Gefangene) beliefen sich auf mehr als 198 000 Mann.
Im Mai 1915 wurde in London eine neue Koalitionsregierung gebildet. Churchill konnte nur noch einen wenig einflussreichen Posten im Kabinett behalten, die Admiralität musste er verlassen. Er war deprimiert – „I am finished!“ –, sprudelte aber weiterhin vor Ideen. So sorgte er dafür, dass seine Idee eines stählernen, die Schützengräben und Stacheldrahtverhaue überwindenden schweren Fahrzeugs weiterverfolgt und finanziert wurde. Er nannte die Konstruktion land battleship, die offizielle Bezeichnung beim ersten größeren Einsatz dieser Gefährte im übernächsten Jahr lautete tank. Winston Churchill gilt zu Recht als der geistige Vater des Kampfpanzers.
Am 11. November 1915 trat Churchill aus dem Kabinett Asquith zurück. Er wollte seinem Land so dienen wie Millionen anderer Männer auch: in Uniform. Zunächst im Rang eines Majors, führte er seit Januar 1916 als Oberstleutnant die 6th Royal Scots Fusiliers. Anfängliche Vorbehalte bei den Soldaten gegen einen gescheiterten Ex-Politiker überwand er schnell. Mehrmals hatte er unglaubliches Glück: Einmal wurde er von einem Vorgesetzten zu einem Gespräch einbestellt. Als er in seinen Unterstand zurückkehren wollte, fand er ihn zerstört vor – Volltreffer durch eine Artilleriegranate.
Überall um ihn herum waren Elend und Tod, lagen nicht begrabene Gefallene in Sichtweite – und dennoch: „Ich habe Glück und Zufriedenheit gefunden, wie ich es seit Monaten nicht gekannt habe“, schrieb er.
Die Sehnsucht nach der Politik verließ Churchill freilich auch an der Front nicht. Bei Aufenthalten in der Heimat hielt er viel beachtete Reden; auch im Unterhaus, wo er seinen Sitz beibehalten hatte. Im Juli 1917 wurde er zum Minister of Munitions berufen und kurbelte in dieser Funktion umgehend die heimische Rüstungsproduktion an.
Entwicklungen in entlegenen Weltteilen verfolgte er mit Aufmerksamkeit und oft sicherem Urteil. Zur Revolution in Russland und der Machtübernahme der Kommunisten prophezeite er: „Die Folgen dieser Ereignisse … werden die Welt für die Kinder unserer Kinder verdunkeln.“
Die nächsten beiden Ministerposten für Churchill waren Kriegs- und Luftfahrtminister (1919 –1921) und Minister für die Kolonien (1921/22). Dann erlebte seine lange, insgesamt sich über fast 64 Jahre erstreckende parlamentarische Tätigkeit ihre einzige größere Unterbrechung: Kurz nach seiner Blinddarmoperation und nach zunehmenden Streitereien bei den Liberalen verlor er in der Parlamentswahl vom November 1922 seinen Wahlkreis Dundee: „Innerhalb eines Augenblinzelns war ich ohne Amt, ohne Parlamentssitz, ohne Partei und ohne Appendix.“
Erfolg als Chronist des Weltkriegs – weniger im Amt des Schatzkanzlers
Churchill nutzte die Zeit für seine schriftstellerische Tätigkeit. Der erste von fünf Bänden seiner Weltkriegserinnerungen „The World Crisis“, erschien im April 1923 und erhielt glänzende Rezensionen. Seinen Landsitz Chartwell in Kent renovierte er und begeisterte sich so an den von ihm auf dem Grundstück errichteten Mauern, dass er der Maurergewerkschaft beitrat. Die Familie war nun komplett; im September 1922 war die jüngste Tochter Mary zur Welt gekommen.
Im Sommer 1924 kehrte er in die Reihen der Tories zurück, der Konservativen Partei. Bei der Unterhauswahl am 29. Oktober gewann er in seinem neuen Wahlkreis Epping (in Essex, nordöstlich von London) mit einem Vorsprung von fast 1000 Stimmen; er vertrat Epping für die folgenden 40 Jahre im House of Commons. Der neue Premierminister Stanley Baldwin (amt. 1924–1929) machte Churchill zum Schatzkanzler (Chancellor of the Exchequers), was als das zweithöchste Amt im Kabinett gilt – nach dem Premier und mit dem Amtssitz Downing Street Nr. 11 in direkter Nachbarschaft zu diesem.
Seine Bilanz war durchwachsen; die Rückkehr zum Goldstandard (1925) – was britische Produkte verteuerte und die Arbeitslosigkeit anheizte – bezeichnete er später als größten Fehler seines Lebens. Die Menschenkenntnis des Politikers war deutlich besser als seine fiskalische Kompetenz. So berichtete er seiner Frau nach einem Besuch in Balmoral von der zweieinhalb Jahre alten Tochter des Duke of York: „Sie strahlt eine Autorität und eine Nachdenklichkeit aus, die erstaunlich ist für ein Kleinkind.“ Das Mädchen hieß Elisabeth, und Winston Churchill sollte später der erste von 15 Premierministern sein, die während ihrer langen Zeit auf dem Thron die Regierung führten.
Doch an eine Zukunft im höchsten Regierungsamt glaubte Churchill nach der Wahlniederlage der Konservativen im Mai 1929 zunächst nicht mehr. Eine Dekade blieb er nun ohne Amt, seine „Wilderness Years“, wie er diese Zeit nannte. Weitere Schläge kamen hinzu: Beim Börsencrash im Herbst 1929 büßte Churchill ein Vermögen ein. Schließlich stand sein Leben auf Messers Schneide. Bei einem Besuch in New York blickte er beim Überqueren der Fifth Avenue am 13. Dezember 1931 nach britischer Manier zuerst nach rechts – nicht nach links, wie in den USA sinnvoll. Er wurde von einem Auto angefahren und erlitt eine Gehirnerschütterung, zwei Rippenbrüche und einige Blutergüsse.
Den erschrockenen Fahrer, Edward Cantasano, bewirtete er im Krankenhaus mit Tee und schenkte ihm eines seiner Bücher. Für Anhänger von kontrafaktischer Geschichte ist es eine Sternstunde – und auch ausschließlich an realer Geschichte interessierte Leser mögen einen Moment innehalten: Hätte Mr. Cantasano nicht spät, sondern überhaupt nicht gebremst, die Geschichte des 20. Jahrhunderts hätte ohne Zweifel einen anderen Verlauf genommen.
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