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Welche Krankheiten gingen in Napoleons Armee um?
Geschichte & Archäologie

Welche Krankheiten gingen in Napoleons Armee um?

Beim Rückzug vom Russlandfeldzug des französischen Kaisers Napoleon Bonaparte im Jahr 1812 starben tausende Soldaten an Kälte, Hunger und Krankheiten. DNA-Analysen verraten nun, welche Erreger damals in Napoleons “Grande Armée” grassierten. Demnach könnten die Soldaten damals vor allem an Typhus und Rückfallfieber gelitten haben, statt wie bisher angenommen an Fleckfieber und Schützengrabenfieber. Zusammen mit Hunger und Kälte rafften diese und wahrscheinlich weitere Infektionskrankheiten ein Großteil der Soldaten dahin.
Autor
Nadja Podbregar
28. Oktober 2025
Lesezeit
4 Minuten
Rubrik
Geschichte & Archäologie

Anfang 1812 stand ein Großteil West- und Mitteleuropas unter französischer Herrschaft oder war von Frankreich abhängig. Der Einflussbereich von Kaiser Napoleon I. Bonaparte erstreckte sich von Spanien über Mitteleuropa und Italien bis nach Österreich-Ungarn. Doch Napoleon wollte mehr: Im Frühjahr 1812 besetzte er zwei zum schwedischen Herrschaftsgebiet gehörende Gebiete und im Frühsommer brach er mit einer “Grande Armée” aus mehr als einer halben Million Soldaten Richtung Osten auf. Der Feldzug Frankreichs und seiner Verbündeten gegen Russland und dessen Verbündeten Schweden hatte begonnen.

Doch der Russland-Feldzug endete tragisch: Nachdem Napoleons Armee zunächst relativ schnell nach Osten vorstieß, musste sie mehrere verlustreiche Schlachten durchstehen. In Moskau angelangt, stellten die Franzosen und ihre Verbündeten fest, dass die Stadt von den Russen evakuiert worden war – es gab dort keine politisch relevanten Personen mehr, die man gefangen nehmen oder zur Kapitulation zwingen konnte. Damit war die Eroberung Russlands gescheitert und Napoleons Armee musste im harten russischen Winter den Rückzug antreten – auch, weil es an Vorräten und Ausrüstung fehlte. In der Folge starben mindestens 300.000 Soldaten der Grande Armée, nur wenige erreichten ihre Heimat.

Knopf eines Soldaten
Knopf eines Soldaten aus Napoleons Armee, entdeckt in einem Soldatengrab in Litauen. © UMR 6578 Aix-Marseille Université, CNRS, EFS

Von Krankheiten geplagt

“Schuld an diesen enormen Verlusten waren aber nicht primär russische Angriffe, sondern vor allem die bittere Kälte des russischen Winters, zusammen mit Hunger und Krankheiten”, erklären Rémi Barbieri vom Institut Pasteur in Paris und seine Kollegen. Gestützt wird dies unter anderem von einem Armeearzt aus Napoleons Armee, der von Typhus, Durchfällen, Fieber, Lungenentzündungen und Gelbsucht unter den Soldaten berichtete. Als häufigste Erkrankungen und mögliche Todesursache für viele Soldaten galten bisher vor allem das vom Bakterium Rickettsia prowazekii verursachte Fleckfieber und das Schützengrabenfieber, das vom Erreger Bartonella quintana ausgelöst wird.

“Die Entdeckung von Kleiderläusen bei toten Soldaten von Napoleons Armee stützte diese Annahme, denn die Läuse gelten als Hauptüberträger dieser Erreger”, berichten die Forschenden. Zudem wies eine Studie im Jahr 2006 mikrobielle DNA-Spuren bei einigen Soldaten nach, die von diesen beiden Erregern zu stammen schien. “Diese Analysen waren jedoch durch die damals verfügbare Technik eingeschränkt und beruhten nur auf zwei kurzen DNA-Fragmenten”, schreiben Barbieri und sein Team. “Dadurch war die Auflösung nicht hoch genug, um die Präsenz dieser Erreger in Napoleons Armee wirklich eindeutig zu belegen.” Damit blieb offen, welche Krankheiten wirklich in Napoleons “Grande Armée” beim Rückzug aus Russland umgingen.

Hinweise auf Typhus und Rückfallfieber

Um mehr Klarheit zu schaffen, haben Barbieri und seine Kollegen die Überreste von 13 napoleonischen Soldaten untersucht, die Ende 1812 im litauischen Vilnius gestorben und begraben worden waren. Dabei setzten sie modernste, 2006 noch nicht verfügbare Methoden der DNA-Sequenzierung ein. Die resultierenden Sequenzen glichen sie mit der DNA von 185 bekannten Krankheitserregern ab. Im Widerspruch zu den bisherigen Annahmen fanden diese Analysen bei den toten Soldaten keine DNA-Spuren der Erreger von Fleckfieber oder Schützengrabenfieber. “Wir konnten weder Rickettsia prowazekii noch Bartonella quintana in den Proben nachweisen”, schrieben Barbieri und sein Team. Dafür entdeckten sie jedoch die DNA von zwei anderen Erregern: dem Typhus-Bakterium Salmonella enterica enterica und dem Erreger des Rückfallfiebers, Borrelia recurrentis.

Damit ergibt sich ein neues Bild der in Napoleons Armee grassierenden Krankheiten. “Unsere Studie liefert den ersten direkten Beleg dafür, dass Typhus mit zu den Todesfällen beim katastrophalen Rückzug aus Russland beitrug”, schreiben Barbieri und seine Kollegen. Dazu passt, dass der Armeearzt De Kirckhoff von schweren Durchfällen unter den Soldaten berichtete – und von einer möglichen Infektionsquelle: “Durchfall war bei uns sehr häufig, als wir in Litauen waren”, schreibt De Kirckhoff. “Einer der dazu beitragenden Faktoren war, dass wir dort in fast jedem Haus Fässern mit gesalzenen Rüben vorfanden, die wir aßen und deren Saft wir tranken.” Er vermutete, dass diese Rüben schuld an den Durchfällen waren. Tatsächlich wird der Typhus-Erreger vor allem durch verseuchtes Wasser oder Lebensmittel übertragen. Das von Kleiderläusen übertragene Rückfallfieber ist zwar normalerweise nicht tödlich, könnte aber die durch Hunger, Kälte und Typhus geschwächten Soldaten zusätzlich entkräftet haben.

Kombination mehrerer Faktoren

Die neuen Analysen decken damit zwei Erreger auf, die zuvor nicht als “Schuldige” für die unter Napoleons Soldaten grassierenden Krankheiten galten. Allerdings gehen Barbieri und seine Kollegen davon aus, dass Typhus und Rückfallfieber nicht die einzigen Infektionskrankheiten waren, die unter den ausgehungerten und frierenden Soldaten der “Grande Armée” umgingen. “Ein plausibles Szenario für die Todesfälle unter Napoleons Soldaten ist eine Kombination von Erschöpfung, Kälte und mehreren Krankheiten, darunter Typhus und Rückfallfieber”, schreibt das Team. Um das wahre Spektrum der Infektionskrankheiten aufzuklären, die Napoleons Armee bei ihrem Rückzug aus Russland plagten, sind aber weitere Untersuchungen notwendig.

Quelle: Cell Press; Fachartikel: Current Biology, doi: 10.1016/j.cub.2025.09.047

FrankreichGrande ArméeNapoleonRussland-FeldzugRUsslandkriegTyphus
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