Wann immer das Thema zur Sprache kommt, wo denn nun die Wurzeln der westlichen Kultur und Zivilisation lägen, antworten Geschichtsbeflissene mit erhobenem Zeigefinger: in Griechenland und in Rom. Wo sonst? Ob Philosophie, ob Demokratie, Baukunst, Technik oder Theater, im antiken Griechenland und Rom – und nur hier – wurden die weithin leuchtenden Fundamente der abendländischen Zivilisation gelegt. Dann jedoch verschluckte das „dunkle Mittelalter“ diesen Schatz, ehe die Wiederbelebung antiker Bildung und Traditionen im Italien der Renaissance das griechisch-römische Wissen hob und für den abendländischen Kulturkreis fruchtbar werden ließ. Die britische Althistorikerin verfolgt in ihrem Werk „Der Westen. Eine Erfindung der globalen Welt. 4000 Jahre Geschichte“ aber noch eine andere interessante Spur, die weit weniger linear und viel weniger auf Griechenland und Rom fixiert ist: „Die wahre Geschichte hinter dem, was heute der Westen genannt wird, ist viel größer und faszinierender.“
Quinn lenkt den Blick konsequent auf den Ertrag des jahrtausendealten Austauschs verschiedener Gesellschaften von der Bronzezeit bis zum Zeitalter der Entdeckungen. Dazu fächert die Autorin genauso detailliert wie unterhaltsam Beispiele auf, etwa den Aufstieg Kretas im frühen 2. Jahrtausend v. Chr., an der Peripherie gewaltiger Netzwerke, die sich weit nach Osten erstreckten. Vermischung und Verflechtung, Handel und Austausch, Innovation und Assimilation als Treiber des Wandels. Waren es nicht levantinische Arbeiter in Ägypten, die das Alphabet geschaffen haben? Haben nicht indische Zahlen über die arabische Welt den Weg nach Europa gefunden? Was daraus resultierte, beschrieb der Schriftsteller James Joyce einmal so: „Unsere Kultur ist ein riesiges Gewebe, in dem sich die unterschiedlichsten Elemente vermischt haben … Es ist sinnlos, in solch einem Gewebe, nach einem Faden zu suchen, der rein und ursprünglich geblieben ist und auf den nicht ein benachbarter Faden abgefärbt hat.“
In ihrem Buch vertritt Quinn die These, dass „der Westen“ zum großen Teil ein Produkt langjähriger Verbindungen zu einem weit größeren Netz aus Gesellschaften um ihn herum ist. Die Ära der Verflechtung von der Bronzezeit bis zum Zeitalter der Entdeckungen lässt die Autorin zu folgendem Schluss kommen: Eine einzigartige, rein westliche oder europäische Kultur hat es nie gegeben. Schon die Vorstellung, sich Gesellschaften als gewissermaßen isolierte einzelne Bäume vorzustellen, ist irreführend. Quinn zeichnet auf 688 Seiten ein faszinierend anderes Bild: „Die menschliche Gesellschaft ist nicht ein Wald voller Bäume, mit Subkulturen, die sich aus einzelnen Stämmen verzweigen. Sie gleicht eher einem Blumenbeet, das regelmäßig befruchtet werden muss, um sich neu auszusäen und von Neuem zu wachsen.“ Was also liegt näher, als Quinn ins Blumenbeet der Geschichte zu folgen?





