Über die genauen Umstände der Fundteilung ist vielfach spekuliert worden: War es ein Ganovenstück, ein Schwindel, eine niederträchtige Fälschung? Heute, nach nunmehr 80 Jahre andauernden Polemiken und Phantasmen, geht im schuldbereiten kollektiven Bewusstsein der Deutschen das dumpfe Gefühl um, die „bunte Königin“ müsse vielleicht tatsächlich restituiert werden.
Dass es sich bei dieser Af‧färe in erster Linie um eine erstaunliche Ausgeburt der deutsch-französischen Feindschaft während und nach dem Ersten Weltkrieg handelt, war der Öffentlichkeit bis vor kurzem nicht bewusst. Ein sensationeller Fund in einem Pariser Archiv wirft nun ein ganz neues Licht auf diese promi‧nente Affäre.
Sobald man sich ernsthaft daranmacht, den archivali‧schen Faden des vieldiskutierten Falls zu verfolgen, stellt man schnell fest, dass zumindest von Berlin aus die Wege der Recherche nicht nach Kairo, sondern zuerst und vor allem nach Frankreich führen. Dieser Tatbestand wird bis heute völlig unterschätzt.
Als nämlich der Kopf der Nofretete Ende 1912 von Borchardt entdeckt wurde, lag die Überwachung aller archäologischen Tätigkeiten in Ägypten in den Händen des sogenannten „Service des antiquités“, einer von Frankreich geleiteten Institution. Ägypten als autonome Staatsmacht existierte nicht. Seit 1882 war das Land unter britischer Herrschaft. Wenn man so will, gehörte das „alte Ägypten“ damals Frankreich, das „moderne“ dagegen England. Für Frankreich stellte die pharaonische Vergangenheit des Landes seit der Ex‧pedition von Napoléon Bonaparte im Jahr 1798 und der Entzifferung der Hieroglyphen durch Jean-François Champollion 1822 eine Art „geistiges Nationaleigentum“ dar. „Die archäologische Wissenschaft im Allgemeinen und die Ägyptologie im Besonderen stellen hier einen Teil unseres moralischen Erbes dar und bilden eines der Fundamente unseres Einflusses“, behauptete zum Beispiel ein französischer Generalkonsul in Kairo um 1900.
Paradoxerweise bedeutete dieser Anspruch auf geistiges Eigentum nicht zwangsläufig auch einen Anspruch auf materiellen Besitz. Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs war der französische „Service des antiquités“ recht liberal gesinnt. Das wissenschaftliche Credo ihres Generaldirektors, des großen Ägyptologen Gaston Maspero, war klar: Die verborgenen Schätze Ägyptens sollten möglichst schnell ans Tageslicht gebracht und ge‧sichert werden. Dafür sollten sich weltweit Ausgräber und Finanzierer bereit erklären, die hohen Kosten und Anstrengungen der Ausgrabungen zu tragen. Als Gegenleistung konnten sie unter Maspero fest damit rechnen, die große Mehrheit ihrer Funde in ihre jeweiligen Heimatländer und -museen schicken zu dürfen.
Maspero selbst schrieb einmal dazu: „Die seit 20 Jahren eingeführten Reformen im Bewässerungssystem haben der Landwirtschaft große Flächen zurückgegeben, die seit Jahrhunderten trocken waren: Dort ist reichlich Wasser in den Boden gebracht worden, das die Gegenstände, die dort eingeschlossen waren, tränkte. Wenn nicht innerhalb von 25 Jahren, die durch die moderne Industrie angegriffenen antiken Grabungsstellen gründlich erforscht worden sind, zögere ich nicht zu erklären, dass ihr gesamter Inhalt von Papyri, Bronzen, Statuen aus Stein oder aus Metall, Tonarbeiten, Stoffen, Utensilien, Waffen, Werkzeugen, Amuletten für die Wissenschaft verloren sein wird. Da es sich um Hunderte von Objekten handelt, wäre geradezu eine Massenrekrutierung von Gelehrten notwendig, um diese Aufgabe in einem so begrenzten Zeitraum zu bewältigen: Wir haben also an die Forschung appelliert, und ich bin glücklich, festzustellen, dass unsere Absicht verstanden worden ist“.





