Eine große Rolle bei der Erklärung spielen aber immer noch die sogenannten Barba‧ren, jene Gruppen, die sich Franken, Goten, Vandalen oder Hunnen nannten und im Lauf des 5. Jahrhunderts den Westen des Römischen Reichs aufteilten. Nach der traditionellen Sichtweise drangen diese Gruppen in das römische Imperium ein, fügten den Römern empfindliche Niederlagen zu und eroberten Stück für Stück ihr Reich.
Tatsächlich aber ist nur wenig darüber bekannt, wer diese Menschen waren und welche Rollen sie im Imperium spielten. Die Quellen sind überschaubar, und Aussagen der Barbaren über sich selbst gibt es kaum. Das wenige Bekannte ist daher von besonderer Bedeutung. Hierzu gehören Informationen in Texten, Bildern und aus Bodenfunden über das Aussehen und die Kleidung dieser Menschen, da ihre äußere Erscheinung auf ihr Selbstverständnis verweisen kann.
„Unrömisches“ Äußeres wird in den spätantiken Schriftquellen, vor allem im späten 4. und im 5. Jahrhundert, häufig erwähnt, es wurde daher angenommen, dass nicht-römische Gruppen der Völkerwanderungszeit besondere Kleidung getragen hätten, durch die sie sich von den Römern abgrenzten. Schon im 19. Jahrhundert stießen Archäologen auf entsprechende Funde, vor allem Gewandspangen (Fibeln) und Gürtel, die vom Schwarzen Meer bis nach Westeuropa ähnlich waren. Man war sich einig: Die Barbaren hätten sich durch äußere Merkmale von den Römern abgegrenzt und dies auch nach Eintritt ins Römische Reich beibehalten, um ihre Identität zu behaupten. Kleidung könne deshalb ein Unterscheidungskriterium der barbarischen Einwanderer sein, zugleich ein Beleg für das Traditionsbewusstsein der Barbaren, ein Anhaltspunkt für ihre Wanderungsbewegung, für ihre Ethnogenese und etwa für die Rolle der Germanen beim Untergang des Römischen Reichs.
Im Zug einer intensiven Erforschung spätantiker ethni‧scher Identitäten in den letzten Jahren kamen jedoch Zweifel auf, ob sich Bestandteile der äußeren Erscheinung tatsächlich einzelnen Gruppen zuweisen lassen im Sinne einer „gotischen“ Gürtelschnalle, eines „fränkischen“ Schwertes oder einer „langobardischen“ Fibel. Vor allem bei als „barba‧risch“ angesprochenen Funden des 5. Jahrhunderts innerhalb der Grenzen des Römischen Reichs lassen sich starke Verbindungen zum Römischen erkennen, die es häufig schwer machen, klare Grenzen zwischen römisch und nicht-römisch zu ziehen.
Für die große Frage, welchen Einfluss die barbarischen Gruppen auf das römische Impe‧rium hatten, sind dies erstaun‧liche Ergebnisse. Sie zeigen, dass der Unterschied zwischen Römern und Barbaren nicht so fundamental war wie zuerst angenommen. Das Barbarische kann durchaus auch ein römisches Phänomen sein. Diese interpretative Verschiebung nimmt der Kleidung nicht ihre große Bedeutung. Ganz im Gegenteil sogar: Der Schlüssel zum Verständnis ist die Definition der Begrifflichkeiten. Ein genauer Blick in die spätantiken Texte zeigt, dass keineswegs so klar ist, was das Römische ausmachte. Als „echte Römer“ betrachtete sich eigentlich nur die gebildete, traditionelle Elite, während das riesige Römische Reich ein buntes Sammelbecken unterschiedlichster kultureller Traditionen und Sprachen war.





