Im kontemplativen Troß des Geschehens zieht die Wissenschaft mit. So Caspar Hirschi mit seinem Buch, einer revidierten Fassung seiner Dissertation zum „Wettkampf der Nationen“. Wenn er ihn im Mittelalter beginnen sieht, setzt er sich von Erklärungsmodellen ab, die das 19. Jahrhundert zur Brutstätte des modernen Nationalismus mit seinen verheerenden Folgen machen.
Seine These lautet, daß Nationalismus von langer Dauer ist. Der Autor weiß, daß diese These nicht neu ist, doch macht er sie zum Dreh- und Angelpunkt seiner Studie, die einen Bogen von der Spätantike bis in die jüngere Zeit spannt. Der „vormodernen“ Geschichte Europas sei „kapitale Bedeutung“ für den Prozeß der „Nationenbildung“ beizumessen. Man muß genau hinsehen, was hier wie beiläufig assoziiert wird: Nationalismus und Nationenbildung. Belegt werden soll die These durch die Untersuchung humanistischer „Nationsdiskurse“ und ihrer mittelalterlichen Voraussetzungen sowie am Konstrukt einer Nationalisierung von Kultur und Politik durch italienische Humanisten. Diese hätten über die französische Diskussion auch Auswirkungen auf das Selbstbewußtsein deutscher Humanisten gehabt. Letztere hätten sich durch die Unterstützung dieses Prozesses Amt und Würden versprochen. Im Zuge von Reformation und Kaiserwahl von 1519 gerate der „Nationsdiskurs“ außer Kontrolle, weite sich über das humanistische Lager hinaus aus und entfalte schließlich Langzeitwirkung bis zum Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft.
Soweit die angenommene Schlüssigkeit des Ganzen. Das Referenzgefüge Hirschis hat allerdings seine Tücken. Ob sich Schriften Niccolò Machiavellis, Francesco Guicciardinis und anderer unter ausgrenzende „Nationsdiskurse“ verrechnen lassen, ist mehr als fraglich und fraglich auch der Einfluß der italienischen Humanisten wie Coluccio Salutati und Leonardo Bruni auf deutsche Humanisten. Ausgeblendet wird der Anteil französischer vormoderner Nationalkonzeptionen. Und: Wo ist der Platz eines Hugo Grotius, des Primats des Völkerrechts gegenüber der Staatsräson, wo der Platz Kants und Voltaires? Eine Studie, die behauptet, auch die Literaturwissenschaft einzubeziehen, hätte zudem stärker die einschlägige Literatur berücksichtigen müssen.
Zur Ermittlung der Differenz von „vormodern“ und „modern“ muß der Verfasser dem „vormodernen Nationalismus“ elitären Charakter zuschreiben, ist er doch eine Angelegenheit herrschaftsnaher Bildungseliten. Hier liegt die problematische Nahtstelle zwischen „vormodernen“ und modernen Begriffen von Nation und Nationalismus. Wann und zu welchem Zweck beginnen denn die Eliten die Massen zu bedienen und wann die Massen die Eliten? Welche Rolle spielen die Französische Revolution und ihr Verhältnis von Humanität und Nationalität? Diese entscheidenden Fragen bleiben offen.





