Wie spät ist es eigentlich am Nordpol? Die Frage führt uns unweigerlich dazu, unsere gegenwärtige Zeitordnung einmal zu überdenken. Mit den 24 Zeitzonen leben wir heute als einer Selbstverständlichkeit. Wer von Frankfurt über den Atlantik nach New York fliegt, stellt ganz automatisch seine Uhr um sechs Stunden zurück. Angenommen jedoch, eine Person reist von Frankfurt immer dem Längengrad nach zum Nordpol und eine andere Person täte dies von New York aus, beide träfen sich am Nordpol und verglichen ihre Uhren: welche Zeit würde wohl gelten?
Tatsächlich hat niemand die Zeit an diesem einen Punkt, an dem alle Längengrade aufeinandertreffen, klar definiert. Dies zeigt, wie willkürlich die heutige Zeitordnung ist. Sie entstand in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und kann zu großen Teilen auf das Wirken Sir Sandford Flemings (1827–1915) zurückgeführt werden. Kaum jemand kennt heute den Namen dieses Eisenbahningenieurs, dessen Erfindung den Alltag der Menschen bestimmt. Bei einem Besuch in Irland hatte Fleming seine Reise einmal aufgrund der Verworrenheit der örtlichen Fahrpläne und der entsprechenden Ortszeiten, die sich oftmals nach nur einigen Kilometern änderten, um einen ganzen Tag verlängern müssen. Der gebürtige Schotte emigrierte später nach Kanada, wo er die erste kanadische Briefmarke entwarf – und den Bau einer Eisenbahn vom Atlantik zum Pazifik vorbereitete.
Fleming war Zeuge einer Epoche extremer Beschleunigung. Durch die Verbreitung von Telegraphie und Eisenbahn gelangten Nachrichten, Personen und Waren in der westlichen Welt immer schneller von einem Ort zum anderen. Die Steigerung des Tempos und der gleichzeitig als schrumpfend wahrgenommene Raum stellten die gültige Zeitordnung in Frage, folgte damals doch noch jeder Ort seiner eigenen Zeit: der Ortszeit, die sich am Stand der Sonne orientiert. Hat die Sonne in Ostpreußen um zwölf Uhr mittags ihren Höchststand erreicht, zeigten die Uhren in Aachen erst elf Uhr an.
Wer heute eine Fahrt rund um den Bodensee unternimmt, ahnt wohl kaum, daß dies vor gut 125 Jahren im wortwörtlichen Sinne eine Reise durch die Zeit war. Beim Grenzübertritt vom schweizerischen Kreuzlingen ins badische Konstanz mußte man sich nämlich nicht nur an eine andere Währung, sondern auch an eine andere Zeit gewöhnen. In der Schweiz galt die Ortszeit von Bern als Landeszeit, in Baden dagegen die von Karlsruhe. Fuhr man weiter von Konstanz nach Friedrichshafen, so ging dort die Uhr um weitere drei Minuten nach. In Württemberg galt die Zeit von Stuttgart als Landeszeit… Im bayerischen Lindau mußte die Uhr ein weiteres Mal gestellt werden. Dort galt die Münchner Zeit, die der Stuttgarter um neun Minuten voraus ist. Wenige Minuten später, im österreichischen Bregenz mußte man die Zeiger gar um 16 Minuten vorstellen, denn Österreich richtete sich nach der Prager Zeit. Bei der Rückkehr in die Schweiz mußte die Uhr schließlich wieder um 32 Minuten zurückgestellt werden…





