Im Jahr 79 nach Christus brach der Vulkan Vesuv aus und begrub die 20.000-Einwohner-Stadt Pompeji unter einer dicken Lava- und Ascheschicht. Seit 1748 graben Archäologen die Überreste der Stadt systematisch Stück für Stück aus. Dabei haben sie bislang zwei Drittel der Fläche freigelegt und bemerkenswert gut erhaltene Fresken und noch intakte Möbel gefunden. Es wurden aber nur rund 1300 Opfer entdeckt – nicht mal zehn Prozent der dort lebenden Menschen. Das wirft die Frage auf: Wie viele der Bewohner starben wirklich und wie viele überlebten? Möglicherweise starben viele nicht in der Stadt, sondern außerhalb des Zentrums, auf der Flucht vor der Katastrophe. Inschriften in anderen Städten belegen, dass zumindest manche Menschen aus Pompeji entkamen, überlebten und sich woanders niederließen.
Rückkehrer lebten jahrhundertelang in den Ruinen
Neue Fundstücke aus der sogenannten „Insula Meridionalis“, dem südlichen Bezirk des antiken Stadtzentrums von Pompeji, belegen nun eine lang gehegte Vermutung: Pompeji wurde nach der Zerstörung durch Überlebende teilweise wieder besiedelt. „Die Daten zeigen, dass das Leben nach der Katastrophe weiterging, obwohl solche Beweise bei früheren Ausgrabungen ignoriert worden waren“, berichtet ein Team um Gabriel Zuchtriegel vom Archäologischen Park Pompeji. In der Insula wurde bisher eher wenig gegraben, weswegen dort noch Zeugnisse aus dieser Phase erhalten geblieben sind.

Die Funde belegen, dass Menschen nach der Katastrophe relativ schnell zurückkehrten und noch bis ins fünfte Jahrhundert in Pompeji lebten. Sie hinterließen Herde, Öfen und Mühlen, zudem Lampen und verschiedenes Küchengeschirr wie Töpfe, Schüsseln, Pfannen und Kasserolen aus Keramik. Auch Münzen jüngeren Datums fanden sich in den Ruinen. Dabei bewohnten diese Rückkehrer offenbar die oberen Stockwerke der Ruinen, die aus der Asche herausragten. Die Räume, die einst im Erdgeschoss lagen, dienten ihnen später teils als Keller. Teilweise zogen die späteren Bewohner darin neue Mauern und Wände hoch.
Die Archäologen vermuten, dass vor allem mittellose, ärmere Menschen in ihr zerstörtes Pompeji zurückkehrten, die sich ein neues Leben in einer anderen Stadt nicht leisten konnten. Weitere Obdachlose anderer Herkunft könnten sich dazu gesellt haben. In der Aschewüste der Umgebung wuchsen bald wieder Pflanzen, von denen sich die Rückkehrer ernähren konnten. Aus den Trümmern könnten sie zudem Wertgegenstände ausgegraben und verkauft haben, um ihr Überleben in der improvisierten Zuflucht zu sichern.
Wiederaufbau scheiterte
Bekannt ist, dass der römische Kaiser Titus direkt nach der Eruption zwei ehemalige Konsuln als Kuratoren nach Pompeji schickte. Diese sollten offenbar die Neugründung und den Wiederaufbau von Pompeji vorantreiben und dafür in den anarchischen Zuständen der zerstörten Stadt die Wertgegenstände von Verstorbenen sichern. Doch trotz dieses Wiederaufbauversuchs erreichte Pompeji nie wieder seinen früheren Glanz, sondern durchlebte eher Zeiten der Armut und prekären Wohnsituationen.
„Durch die neuen Ausgrabungen wird das Bild immer klarer: Ein Pompeji nach 79 beginnt wieder aufzutauchen“, sagt Zuchtriegel. „Es war weniger eine Stadt als ein prekäres graues Gebiet, eine Art Campingplatz mit Hütten, die zwischen den noch erkennbaren Ruinen der ehemaligen Stadt Pompeji aus dem Boden sprießen.“ Die geordnete Infrastruktur, die man aus anderen römischen Städten und auch dem Pompeji vor der Katastrophe kennt, entstand nach dem verheerenden Vulkanausbruch nicht neu. Ein zweite große Eruption des Vesuvs könnte dann im fünften Jahrhundert, im Jahr 472, zur endgültigen Aufgabe der Stadt geführt haben, berichtet das Team. Fundstücke späteren Datums sind jedenfalls bisher nicht aufgetaucht.
Quelle: Archäologischer Park von Pompeji; E-Journal der Ausgrabungen





