Gib ihm ein Almosen, Frau, denn es gibt keine schlimmere Strafe, als blind zu sein in Granada.“ Der Schriftsteller Francisco Alarcón de Icaza (1863 –1925) hat diese Worte einem Mann in den Mund gelegt, der beim Anblick eines blinden Bettlers in Granada von Mitleid gepackt wird. Über Venedig wurde einmal gesagt: „Alle Städte sind gleich. Nur Venedig ist anders“.
Zwar ist in der amphibischen Lagunenstadt das Wasser allgegenwärtig, während in Granada am Fuß der fast ganzjährig von Schnee bedeckten Sierra Nevada das bergige Element oder, archaischer ausgedrückt, der Stein dominiert. Gleichwohl erscheinen die beiden Städte in vielerlei Hinsicht wie Zwillinge; nicht nur wegen des besonderen Zaubers, der in den beiden eingangs zitierten Sätzen zum Ausdruck kommt: Granada und Venedig sind Geschöpfe des frühen Mittelalters, fanden ihren wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Höhepunkt im späten Mittelalter und erlebten in der frühen Neuzeit eine befristete Nachblüte. Im 16. Jahr-hundert wurden beide „italienisch“, sprich, die Renaissance bestimmte für zwei Generationen den Grundton.
Granada und Venedig besetzen eine Transitzone Europas, in der sich Abend- und Morgenland nicht nur begegneten, sondern vielmehr aufs fruchtbarste durchdrangen. Es sind jene Stellen, wo auf europäischem Boden der Orient in einzigartiger Dichte gegenwärtig ist. Der ewige Traum vom märchenhaften Morgenland, dem verlorenen Paradies prägt das Gesicht dieser Gemeinwesen, nichts Verträumtes, aber viel Traumhaftes, Unwirkliches, Phantastisches. Das wirtschaftliche Herz Venedigs schlug im östlichen Mittelmeer und am Endpunkt der Seidenstraße am Schwarzen Meer, es bestand aus einer Vielzahl kleiner Enklaven in der byzantinischen und der islamischen Welt. Umgekehrt war Granada eine islamische Enklave auf der seit dem 13. Jahrhundert wieder christlichen Iberischen Halbinsel.
In der Mitte des 15. Jahrhunderts zeichnete sich für beide der unabwendbare Niedergang ab. Mit der Einnahme Konstantinopels durch Sultan Mohammed II. am 29. Mai 1453 brach ein wesentlicher Teil des venezianischen Handelsimperiums weg. Und 1469, als Ferdinand V. von Aragón und Isabella I. von León-Kastilien per Heirat die politische Union der Iberischen Halbinsel vollzogen, war der Fall von Granada nur noch eine Frage der Zeit. Den eigentlichen Todesstoß erlitten beide Städte im selben Jahr. Nachdem zu Neujahr 1492 die Schlüssel der Stadt übergeben worden waren, zogen am nachfolgenden Morgen die Katholischen Könige feierlich in Granada ein. Als gegen Ende des Jahres, genauer am 12. Oktober, ausgerechnet ein Sohn der größten Konkurrentin Genua, Christoph Kolumbus, auf Guanahani amerikanischen Boden betrat, war auch der letzte verbliebene Handelsraum Venedigs nur noch eine Sackgasse des Welthandels.





