Charakteristisch für Beard ist der Anspruch, eine neue Geschichte schreiben zu wollen. Innovativ sind die Tiefenbohrungen, die sie immer wieder auch in obskure Winkel der römischen Kaisergeschichte unternimmt: Wenn sie etwa den Inschriften Informationen darüber entlockt, welchen Tätigkeiten Livias Dienerinnen nachgingen, oder den Dichter Statius aufzählen lässt, welche Speisen bei Domitian auf den Tisch kamen. Amüsant sind ihre Aktualisierungen: Im alten Rom machten Geschichten über das Luxusleben der Kaiser die Runde, nicht anders als heute Sensationsberichte über Imelda Marcos’ Schuhschrank.
Beard kennt ihre Quellen, keine Frage. Weniger sattelfest ist sie in der Literatur, die sie nur in Ausnahmefällen explizit anführt. Allzu viel scheint sie ihren althistorischen Kollegen nicht zuzutrauen. Das ist schade, denn ihr Buch hätte von deren Forschung durchaus profitieren können. Für Beard ist der Prinzipat, das politische System der Kaiserzeit, keine Verfassung aus einem Guss, sondern eine improvisierte Ordnung. Das ist fraglos richtig, doch Beards Untersuchung dieses Systems erschöpft sich in der Darstellung des Handelns der Hauptakteure. Die rechtlichen und sozialen Bedingungen, unter denen Augustus und seine Nachfolger operierten, bleiben unterbelichtet. Warum die Kaiser Macht hatten über die römische Welt, erfährt der Leser nicht.
Wichtige Literatur zum Thema scheint die Britin nicht zu kennen, zumindest liefert der Text keinen Hinweis darauf. Fergus Millar hat längst mit dem Mythos aufgeräumt, die Römer hätten zwischen „kaiserlichen“ und „senatorischen“ Provinzen unterschieden. Die Lektüre von Egon Flaigs Buch „Den Kaiser herausfordern“ hätte der Verfasserin wichtige Einsichten über die Usurpation und das kaiserliche Handeln zwischen Senatoren, Militär und stadtrömischer Plebs erschlossen. Von Aloys Winterling führt Beard zwar „Aula Caesaris“ an, sein Buch über Caligula aber bleibt ungenannt. Andere als englischsprachige Literatur zitiert Beard kaum. Wäre der Horizont weiter gesteckt, dann hätte Beard sich gewiss einen Hinweis auf Ludwig Quiddes Schrift „Caligula. Eine Studie über Caesarenwahnsinn“ nicht verkneifen können. Der Traktat von 1894 wurde als Kritik am deutschen Kaiser Wilhelm II. gelesen – und als Majestätsbeleidigung geahndet. In der Schärfe seiner Zeitkritik ist Quidde so etwas wie Beards Bruder im Geiste. Sein Schicksal braucht die Britin immerhin nicht zu fürchten: Der spätere Friedensnobelpreisträger ging, nachdem sein „Caligula“ zum Bestseller geworden war, für drei Monate hinter schwedische Gardinen.
Rezension: Prof. Dr. Michael Sommer
Mary Beard
Die Kaiser von Rom
Herrscher über Volk und Reich
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2024, 544 Seiten, € 34,–





