Die Seuche begann gegen Ende des Ersten Weltkriegs: 1918 breitete sich eine Influenza-Epidemie über Europa und auch Deutschland aus. Infizierte Patienten litten unter Fieber, Husten, Kopf- und Gliederschmerzen, bei vielen endete dies wenige Tage später mit dem Tod. Schätzungen zufolge starben allein in Deutschland in wenigen Monaten mehr als 400.000 Menschen an der Spanischen Grippe – vergleichbar mit einem ganzen Kriegsjahr an Todesfällen im Ersten Weltkrieg. Da die Grippe-Pandemie mit der entscheidenden Phase des Ersten Weltkriegs zusammenfiel, ergriff die Politik keine Maßnahmen aus Sorge um die Moral der Bevölkerung. Auch die Presse berichtete kaum; es herrschte Zensur.
Die Corona-Pandemie hat demonstriert, dass Krisen der öffentlichen Gesundheit zur Spaltung der Gesellschaft und zum Aufkommen extremer Ansichten und Verschwörungsideologien beitragen können. In Deutschland, aber auch in anderen Ländern, konnten vor allem rechtsextreme Gruppierungen von dieser Entwicklung profitieren. Insofern läge es nahe, anzunehmen, dass dies auch bei der letzten Pandemie, der Spanischen Grippe vor gut 100 Jahren, der Fall war: Könnte diese Gesundheitskrise der Weimarer Republik zum Aufstieg der Nationalsozialisten beigetragen haben? Das hat ein Team um Stefan Bauernschuster von der Universität Passau untersucht – mit überraschenden Ergebnissen.
Grippe-Sterblichkeit und Wahldaten analysiert
Bauernschuster und seine Kollegen ermittelten für ihre Studie, welche Folgen die Spanische Grippe und die mit ihr verbundenen Todesfälle und Pandemiefolgen auf die Politik in der Weimarer Republik hatte und im Speziellen, ob die Pandemie das Wahlverhalten der Menschen zu jener Zeit beeinflusst hat. “In einem ersten Schritt verwenden wir dazu Sterbedaten der Jahre 1904 bis 1913 und berechnen auf dieser Basis wahlkreisspezifische Vorhersagen für die Sterblichkeit in den Jahren 1914 bis 1918”, erklärt Bauernschuster. Durch Vergleiche der Sterbedaten vor und während der Pandemie konnte das Team die Übersterblichkeit durch die Influenza ermitteln und damit auch, wo in Deutschland die Grippe besonders stark wütete und viele Menschen starben.
Im zweiten Schritt verglichen Bauernschuster und sein Team die Entwicklung des Wahlverhaltens in besonders von der Grippe-Pandemie betroffenen Regionen mit jenen, in denen es weniger Grippetote gab. “Nun gab es natürlich von der letzten Reichstagswahl im Deutschen Kaiserreich 1912 bis zur ersten Wahl danach im Jahr 1919 in der Weimarer Republik gravierende Änderungen im politischen System”, erläutert der Forscher. “Dazu zählten etwa die Umstellung von Mehrheits- auf Verhältniswahlrecht, die Herabsetzung des Wahlalters, Veränderungen in der Parteienlandschaft und die Einführung des Frauenwahlrechts.” Deswegen passte das Team ihre Analysen so an, dass die Daten vergleichbar wurden, unter anderem durch Nutzung der Wahlkreisgrenzen aus dem Kaiserreich, das Zusammenfassen von Einzelparteien zu Blöcken und durch Berücksichtigung der wahlkreisspezifischen Veränderungen.






