Projekt des Jahrhunderts
Nachdem am 16. Oktober 1834 in London der alte Komplex von Parlamentsgebäuden abgebrannt war, benötigten das House of Commons und das House of Lords eine neue Bleibe. Während die Sitzungen in einem Notquartiert abgehalten wurden, schrieb die Stadt einen Wettbewerb für den Neubau des Parlamentsgebäudes aus. Ihn gewann im Jahr 1840 Charles Barry mit dem heute weltberühmten Entwurf eines neugotischen Komplexes. Wie der Bau des Parlaments ablief und welche Folgen dies nach sich zog, hat Timothy Hyde, Architekturhistoriker am Massachusetts Institute of Technology (MIT), durch Studien zeitgenössischer Quellen rekonstruiert.
“Der Neubau der Houses of Parliament war das für Großbritannien wichtigste architektonische Projekt des 19. Jahrhunderts”, erklärt Hyde. Umso größer war die Besorgnis, als die für den Bau verwendeten Kalksteinblöcke bereits kurz nach Einbau erste Zerfallserscheinungen zeigten: Sie verfärbten sich dunkel und die Oberfläche wurde pockennarbig und bröckelig.
“Der saure Regen ist schuld!”
Die Britische Regierung musste handeln – und tat es auch: Noch im gleichen Jahr beauftragte sie ein Komitee namhafter Wissenschaftler, das Problem näher zu untersuchen. Zu diesen gehörten unter anderem Henry de la Beche, der Leiter des Geological Survey of Britain und der Chemiker Robert Angus Smith. Dieser hatte bereits kurz zuvor herausgefunden, dass die stark verschmutzte Luft in der Industriestadt Manchester ungewöhnlich viele Schwefelsäure enthielt.
Im Laufe ihrer jahrelangen Untersuchungen, kamen die Forscher des Komitees im Jahr 1850 zu einem für damalige Zeit geradezu revolutionären Schluss: An der Zersetzung der urbanen Gebäude und besonders des Parlamentsgebäudes war die Luftverschmutzung schuld. Der Rauch unzähliger Öfen, Kamine und Schornsteine führte zur Bildung von Schwefelsäure, und diese wiederum ätzte als saurer Regen die Kalksteinfassaden der Bauwerke an, so das Fazit der Wissenschaftler.
Neue Sicht auf die Stadt
Diese Erkenntnis trug dazu bei, die damalige Sicht auf die Stadt völlig zu verändern, wie der Historiker erklärt. Erstmals wurde man sich bewusst, dass die verschiedenen Aspekte städtischen Lebens eng miteinander verknüpft waren. “Eine Stadt ist seither nicht mehr einfach nur eine Ansammlung einzelner Gebäude, sondern wird als Ensemble von miteinander verknüpften Ursachen und Wirkungen angesehen”, so Hyde. “Ein Gebäude, wie beispielsweise eine Fabrik, konnte demnach indirekt den Zerfall eines anderen Gebäudes verursachen.”
Nach Ansicht von Hyde war der Westminster-Palast damit ein Katalysator, denn die mit seinem Bau und den Schäden verbundene Forschung deckte diese Zusammenhänge auf. Letztlich führte dies dazu, dass die britische Regierung im Jahr 1875 neue Gesetze zur öffentlichen Gesundheit erließ, in denen erstmals konkret Vorschriften zur Rauchvermeidung und Luftreinhaltung enthalten waren.





