Die Kehrseite nahezu jeder Revolution in der neuzeitlichen Geschichte ist das politische Exil ihrer Gegner. Auch die Französische Revolution von 1789 führte zu einer großen Emigrationsbewegung. So sehr sich Motive und Anlässe, politische Überzeugungen und persönliche Ambitionen dieser Emigranten voneinander unterschieden: Ihnen gemein war eine ablehnende Haltung gegenüber den revolutionären Umwälzungen.
Im ersten Revolutionssommer war es zunächst ein überschaubarer Personenkreis aus der Hocharistokratie, der Paris gen Brüssel und Turin verließ. Die zunehmende Gewalt in den Folgejahren veranlasste dann Zehntausende Franzosen aller Stände zum Verlassen ihres Heimatlands. Sie verteilten sich in den 1790er Jahren im gesamten europäisch-atlantischen Raum, bevor sie seit dem Beginn der napoleonischen Herrschaft mehrheitlich nach Frankreich zurückkehrten.
Emigranten als Protagonisten der Revolutionsvermittlung
Wenn überhaupt, spielen die Emigranten in den klassischen Revolutionserzählungen nur eine Nebenrolle. Je nach ideologischem Standpunkt erscheinen sie entweder als hochverräterische Konterrevolutionäre, die mit den Feinden Frankreichs kollaborierten, oder als mitleiderregende Opfer der Revolution, die ihr Leben unter elenden Bedingungen im Ausland fristeten. Die jüngere Forschung hat sich von diesen Klischees weitgehend freigemacht. Ihr Fokus liegt oft auf den Aufenthaltsgebieten der Emigranten und damit auf der sozialen Realität des Exils.
Viele Studien zeichnen ein facettenreiches Bild ihrer Lebenswelten, etwa in London oder den Rheinlanden, wo die Exilfranzosen Improvisationsgeist unter Beweis stellten, um ihr tägliches Überleben zu sichern. Deutlich wird auch, dass die Emigranten an ihren provisorischen Aufenthaltsorten die sichtbarste Folge der Revolution außerhalb Frankreichs waren und gerade die politisch und publizistisch ambitionierten Exponenten unter ihnen die Aufnahmegesellschaften gegen die Revolution zu mobilisieren versuchten – so auch in den Ländern der Habsburgermonarchie, wo französische Emigranten nach Ausbruch des Koalitionskriegs 1792 in größerer Zahl ankamen.
Die Emigranten verfolgten im Exil eine mehrgliedrige Kommunikationsstrategie. Mit Flugschriften und Büchern klärten sie ihr Lesepublikum über die Revolution auf und trugen zu seiner antirevolutionären Mobilisierung bei. Grundsätzlich konnten schreibende Emigranten auf eine große Nachfrage zählen, die sich aus Neugier und Anteilnahme speiste. Vor allem aber versprach man sich von ihnen tiefere Einsichten in die Revolution, weil sie mit den innerfranzösischen Verhältnissen vertraut waren und die Geschehnisse mitunter aus eigener Anschauung bezeugen konnten.
Die Werke wurden teils in emigranteneigenen Druckereien, etwa im vorderösterreichischen Konstanz, vervielfältigt und oft auch ins Deutsche übersetzt. Dabei passten sich die Autorinnen und Autoren geschickt den Konjunkturen des öffentlichen Interesses an. Dieses war häufig von spektakulären Ereignissen animiert, beispielsweise von den Septembermorden 1792 oder der Hinrichtung des französischen Königspaares 1793. Auf diese Weise prägten die publizistischen Beiträge der Emigranten die öffentliche Meinung zur Revolution und zum Kriegsgeschehen mit. Dies geschah mal mittels umfangreicher Analysen sozialer und politischer Entwicklungen im (vor-)revolutionären Frankreich, mal auf eher literarisch-erzählerische Weise, mal mit kämpferischen Pamphleten.





