Diese Definition verquickt sich aufs Überzeugendste mit einer gepflegten Polemik gegen die Reinheitswächter, die in jeder Berührung einer Kultur mit einer anderen einen Verlust an Identität und Authentizität wahrnehmen wollen – und weitet sich so zu einem Plädoyer gegen die Exzesse der Cancel Culture der Gegenwart, deren Folgen als Akte der Kulturzerstörung verstanden werden. Ebenso gegensätzlich zur Unkultur des Tilgens fallen dann die Basisdefinitionen aus: Kultur entsteht durch produktiven Austausch, durch das Aufeinandertreffen von Vertrautem und Fremdem, das zur stetigen Neuausrichtung des Eigenen zwingt, und durch die Wiederentdeckung des Verschütteten, wodurch „Scherben … zu etwas Neuem zusammengekettet werden“ – etwa die „Renaissance“ in Italien als „Wiederbegegnung mit dürftig verstandenen Bruchstücken“ der Vergangenheit.
Hier ist Zustimmung zu den beiden genannten Faktoren und zugleich Kritik anzumelden: Kultur, so wie sie der Autor versteht, nämlich als „Hochkultur“ (von „Massenkultur“ ist nur ganz am Schluss mit dem Siegeszug des südkoreanischen Pop die Rede), entsteht vor allem durch umstürzend neues Nachdenken über alte Quellen: Ein Niccolò Machiavelli liest den antiken Historiker Titus Livius als Theoretiker der frühmodernen Staatsräson, ein Jean-Jacques Rousseau interpretiert den Prozess der Zivilisation als Plädoyer für deren Rückgängigmachung.
Ein weiterer Kritikpunkt: Theorie ist so haltbar, wie die ihr zugrunde liegenden Fakten stimmen, und hier sieht es nicht immer gut aus: Rom hatte im 18. Jahrhundert nicht eine halbe Million Einwohner, sondern nicht einmal ein Sechstel davon. Dürer war nicht 1503, sondern 1506/07 in Venedig. Das sollte in einer Neuauflage korrigiert werden, die das Buch durchaus verdient. Denn seine Grundthesen belegt der Autor nachvollziehbar und erhellend: in farbigen und räumlich gut sortierten, die Kontinente umspannenden Kapiteln, die von der Auffindung der Nofretete-Büste im Sand Ägyptens und der Entdeckung einer indischen Statuette in Pompeji über das portugiesische Nationalepos „Os Lusíadas“ bis zum Kampf gegen die Sklaverei in der Karibik und zur Dekolonisation in Afrika reichen.
Rezension: Prof. Dr. Volker Reinhardt
Martin Puchner
Kultur
Eine neue Geschichte der Welt
Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2025, 432 Seiten, € 35,–





