Städte unterscheiden sich auf vielfältige Weise von länglichen Gegenden. Das Leben dort ist stressiger, lauter, enger und oft auch gesundheitsschädlicher als auf dem Land. Andererseits bietet das Stadtleben meist leichteren Zugang zu neuen Technologien, wissenschaftlichen Erkenntnissen und medizinischen Behandlungen, denn auch die Zentren der Bildung liegen meist in der Stadt – das war schon in der römischen Antike so. “Bioarchäologische Forschung zeigt, dass Gesundheit und Ernährung von Menschen in antiken Städten Europas im Schnitt besser war als bei Landbewohnern”, berichten Carlo Cocozza vom Max-Planck-Institut für Geoanthropologie in Jena und seine Kollegen.
Isotopen im Zahnschmelz verraten Säuglingsnahrung
Was aber bedeutete dies damals für römische Mütter und ihren Umgang mit ihrem Nachwuchs? Funde belegen, dass Frauen auch damals schon Alternativen zum Stillen verwendeten, beispielsweise Milchfläschchen aus Keramik. Und auch römische Ärzte wie Galenus, Soranus oder Oribasius beschäftigten sich mit der Frage, wann ein Säugling am besten abgestillt werden sollte. “In der Regel schlagen diese Lehrtexte einen allmählichen Übergang von der Muttermilch zu einer breiteren Palette ergänzender Nahrung ab sechs Monaten vor und ein Abstillen mit zwei Jahren”, erklären Cocozza und sein Team. “Allerdings waren diese Abhandlungen primär an die römische Aristokratie gerichtet. Wie es mit der Säuglingsernährung in der breiten Bevölkerung der Römerzeit aussah, ist weitgehend unbekannt.”
Um dies zu klären, haben Cocozza und seine Kollegen nun die Stillpraxis römischer Mütter in vier verschiedenen Orten der damaligen Zeit näher untersucht: in den beiden größeren Städten Pompeji und Thessaloniki sowie zwei eher ländlichen Siedlungen nahe Ostia in Italien und Bainesse in Großbritannien. Die Umgebung von Ostia war zur Römerzeit stark landwirtschaftlich geprägt, Bainesse war ein kleines Dorf in der Nähe eines Römerforts an der Nordgrenze des römischen Reiches, in dem vor allem einfache Leute und Handwerker wohnten, wie die Forschenden erklären. Um herauszufinden, wie Kinder in diesen vier Orten ernährt wurden, analysierte das Team die Isotopenverhältnisse im Zahnschmelz von Toten aus den vier Orten. “Die ersten dauerhaften Molare eines Menschen konservieren isotopische Signale aus dem Alter von drei Monaten bis etwa 9,5 Jahren”, berichten die Forschenden. “Das macht sie zu verlässlichen Anzeigern für die Fütterungspraxis von Säuglingen.”
Klare Unterschiede zwischen Stadt und Land
Die Analysen ergaben: Im eher urbanen Umfeld stillten die römischen Mütter ihre Kinder früher ab als auf dem Land. “In der Stadt Pompeji zeigen 75 Prozent der untersuchten Individuen Indikatoren für ein Abstillen vor dem zweiten Lebensjahr”, berichten Cocozza und seine Kollegen. In Thessaloniki sah es mit 78 Prozent ähnlich aus. Anders dagegen in den eher ländlich geprägten Siedlungen bei Ostia und Bainesse: Dort stillten die meisten Mütter ihre Kinder über das zweite Lebensjahr hinaus, wie die Isotopenwerte verrieten. “Diese Ergebnisse stützen die Hypothese, dass es einen Zusammenhang zwischen der Dauer des Stillens und der Komplexität und Urbanität der Siedlungen gibt”, konstatieren die Forschenden.





