Teufelsaustreibungen haben eine lange Geschichte
Das vorliegende Buch beschreibt Besessenheit und Exorzismus von der Ideengeschichte der Antike bis zu den „dunklen Mächten der Globalisierung“ heute. Geschildert werden die sich mehrfach verändernden Strömungen der theoretischen Interpretation und des konkreten Umgangs mit dem Phänomen, innerhalb wie außerhalb der katholischen Kirche. Dafür wurden zahlreiche Quellen aus Österreich, die Beispiele für Exorzismus-Praktiken liefern, kritisch analysiert und ihre Hintergründe interpretiert.
Im frühen und hohen Mittelalter arbeitete die Kirche die Lehre von besitzergreifenden Dämonen systematisch aus. Schon in Lebensbeschreibungen von Heiligen kommt das Phänomen vor. Von der „Großen Pest“ zur Mitte des 14. Jahrhunderts an nahm der Teufelsglaube zu und hatte seinen Höhepunkt gemeinsam mit dem Hexenglauben im 16. und 17. Jahrhundert. Gelungene Exorzismen mussten die „Wahrheit“ und Macht der katholischen Positionen demonstrieren. In Österreich dienten vor allem die spektakulären öffentlichen Teufelsaustreibungen der 1580er und 1590er Jahre der gegenreformatorischen Propaganda. Das päpstliche Handbuch „Rituale Romanum“ von 1614, das die Ritualhandlungen in der katholischen Kirche regelte, unterstützte die „katholische Reform“. Es legte die Vorgehensweise bei einer vermuteten Besessenheit neu und exakter fest und gilt in seinen Grundzügen bis heute.
In der frühen Neuzeit erwiesen sich Nonnenklöster als besonders besessenheitsanfällig, wie sich am Beispiel des adligen Benediktinerinnen-Stifts Nonnberg in Salzburg erklären lässt. Hier konnten aristokratische Frauen ein zurückgezogenes, standesgemäßes Leben außerhalb des patriarchal strukturierten Sozialgefüges führen. Das Leben in einem „geschlossenen Haus“ bedeutete jedoch massive Verzichtsleistungen: strenges Fasten, Schlafunterbrechungen zum nächtlichen Gebet oder körperlich anstrengende Bußübungen führten oft zu mentaler wie körperlicher Überlastung und steigerten die Anfälligkeit für Erkrankungen. Die strengen Regeln des Konzils von Trient für die Klosterdisziplin förderten psychische Leiden. Die rigorosen Verhaltensnormen inklusive sexueller Abstinenz standen schwer zu unterdrückenden persönlichen Bedürfnissen und Wünschen gegenüber, die zu massiven inneren Konflikten führen konnten.
Im Dezember 1665 begannen im Benediktinerinnenstift die Leiden der Konventualin Maria Ehrentraud Gräfin von Lodron – sie war schon mit fünf Jahren ins Kloster gekommen – und ihrer Chorschwester Johanna Ehrentraud Däber. Ein Exorzist stellte fest, dass Letztere von 3000, Erstere sogar von 15 Millionen Teufeln besessen sei. Däber habe den Bund mit dem bösen Feind vor ihrem Eintritt ins Stift sogar mit einem Ring besiegelt; zudem war von nächtlichen Zusammenkünften mit dem Satan in Gestalt eines Jägers im Noviziatgärtchen die Rede. Die beiden Frauen wurden rund drei Monate lang jeden Vormittag stundenlang exorziert. Am Palmsonntag, dem 18. April 1666, gelang den Quellen zufolge gemeinsam mit dem gesamten Konvent eine erfolgreiche Beschwörung mit der Austreibung des „Generalissimus, Namens Belial mit 5000 u. noch etliche Führer“.





