In den letzten Jahrhunderten kam es in Mitteleuropa immer wieder zum Ausbruch von als „Pest“ oder „Pestilenz“ bezeichneten Seuchen. Damals wurde unter diesem Sammelbegriff alles zusammengefasst, was ansteckend war und sich in der Bevölkerung verbreitete. Weil man aber nicht wusste, wodurch solche Seuchen ausgelöst wurden, suchte man vielfach nach scheinbar naheliegenden Erklärungen. Einige sahen in ihnen eine Strafe Gottes und versuchten, durch Buße, Prozessionen oder Selbstgeißelungen Vergebung zu erlangen. Andere machten Minderheiten und Randgruppen verantwortlich, weshalb es im Gefolge von Epidemien häufig zu Judenprogromen kam. Gelehrte sahen dagegen eher ungünstige astronomische Konstellationen, oder krankmachende Fäulnisdünste als Seuchenursachen an.
“Social Distancing” und geschlossene Universitäten und Schulen
Was aber wurde gegen die “Pestilenzen” unternommen? Wie ein Blick in historische Dokumente der Universität Wien, in städtische Bekanntmachungen und Zeitungen belegt, haben sich die Gegenmaßnahmen über die Jahrhunderte hinweg kaum verändert. Schon im Mittelalter versuchte man beispielsweise, die Ansteckung zu verhindern, indem man Kranke isolierte und soziale Kontakte in der Bevölkerung verringerte. Vielfach wurden Einrichtungen gesperrt, in denen besonders viele Menschen zusammenkamen, wie Gasthäuser, Badehäuser oder Schulen. Auch an der Universität Wien musste bereits im Jahr 1399 der Lehrbetrieb ausgesetzt werden, weil in der Stadt eine Seuche umging. Viele Universitätsangehörige verließen damals fluchtartig die Stadt, wie historische Aufzeichnungen verraten.
Noch bis zum 18. Jahrhundert kam es durch die regelmäßig auftretenden Epidemien sogar im Schnitt alle 15 bis 20 Jahre zu einer vorübergehenden Schließung der Universität Wien. Die Dauer einer solchen seuchenbedingten Sperre wurde vom Rektor meist für zwei bis drei Monate verfügt – oft mit dem Vorbehalt, die Schließung im Bedarfsfall zu verlängern. In diesen Zeiten wurden Fakultätsversammlungen zum Teil außerhalb Wiens abgehalten, Immatrikulationen von Neustudenten blieben aus. So wurde in der Matrikel der Rheinischen Nation für das Pestjahr 1521 angemerkt, dass niemand zur Inskription gekommen sei. Auch das studentische Leben in den sogenannten Bursen, einer Art Lerngruppen in WG-Form, war betroffen. Im Seuchenjahr 1421 ist beispielsweise in einem Dokument verzeichnet, dass die Studenten bei Infektionsgefahr außerhalb der Burse zu verköstigen seien.
Und es gibt noch eine Parallele zur aktuellen Pandemie: Auch bei vergangenen Seuchen wurden nicht nur kulturelle Veranstaltungen abgesagt, auch wissenschaftliche Tagungen fielen der “Pestilenz” zum Opfer. So musste die für Herbst 1831 geplante Versammlung deutscher Naturforscher und Ärzte wegen einer Epidemie um ein Jahr verschoben werden.





