Politikgeschichte: Internationales System, Kriegsschuld, Folgen.
Der Erste Weltkrieg ist lange vor allem unter politikgeschichtlichen Perspektiven betrachtet worden. Dabei hat sich die Erforschung der europäischen „Urkatastrophe“ (George F. Kennan) besonders mit diesen Fragen beschäftigt: mit den expansiven Kriegszielprogrammen aller beteiligten Länder, den Bündnisentwicklungen, den begrenzten Möglichkeiten für einen Verständigungsfrieden, mit dem Kriegsausgang und mit der Einbeziehung der außereuropäischen Welt in diesen im Kern europäischen Konflikt. An erster Stelle aber stand immer wieder die Frage nach den Ursachen des Krieges und wie er letztlich ausgelöst wurde, kurz: die Kriegsschuldfrage. Im Gefolge der durch die Forschungen des deutschen Historikers Fritz Fischer in den 1960er Jahren entbrannten „Fischer-Kontroverse“ hat eine beachtliche Mehrheit der Historiker über viele Jahre die gut begründete Auffassung vertreten, dass Deutschland und sein Verbündeter Österreich-Ungarn die Hauptverantwortung für die Auslösung des Krieges trugen. Jüngst regte nun die Untersuchung von Christopher Clark („Die Schlafwandler“) über die Beteiligung der gesamten europäischen Diplomatie am Kriegsbeginn neue Diskussionen an.
Innenpolitisch ist für alle Länder insbesondere die Frage nach dem Verhältnis zwischen Militär und ziviler Politik intensiv untersucht worden. Für Deutschland rückte vor allem die „verdeckte Militärdiktatur“ der dritten Obersten Heeresleitung unter den Generälen Hindenburg und Ludendorff in den Mittelpunkt. Und während die Forschung mit Blick auf die parlamentarisch regierten westlichen Staaten trotz aller politischen Verschiebungen doch die Kontinuitäten der verfassungspolitischen Ordnung betont hat, erlebten die monarchisch regierten Reiche Mittel- und Osteuropas, zuerst 1917 Russland und dann 1918 Deutschland sowie Österreich-Ungarn, als Kriegsverlierer am Ende revolutionäre Umstürze. Deren Ursachen hat die Wissenschaft in der Kriegspolitik und auch in den gesellschaftspolitischen Entwicklungen der Kriegszeit ausgemacht.
Sozial- und Gesellschaftsgeschichte: Kriegsgesellschaft.
Seit den ausgehenden 1960er Jahren wandte sich die Forschung zunehmend sozial- und gesellschaftsgeschichtlichen Themen zu. Dabei trat die besondere Dynamik der Kriegsgesellschaft in den Vordergrund, stilbildend etwa in Arthur Marwicks 1965 veröffentlichter Studie „The Deluge“ (wörtlich: „Die Flut“), die den beschleunigten Wandel der englischen Gesellschaft im Krieg thematisierte. Nicht zuletzt die Kriegswirtschaft rückte in den Mittelpunkt vieler Untersuchungen, für Deutschland vor allem in Gestalt der Grundlagenstudie Gerald D. Feldmans über „Armee, Industrie und Arbeiterschaft“ im Ersten Weltkrieg (1966). Erweiternd kam 1973 Jürgen Kockas Pionierarbeit über die deutsche „Klassengesellschaft im Krieg“ hinzu, die auf methodisch vorbildliche Weise allgemeine soziologische Theoriebildung für empirische historische Forschung nutzbar machte. Im Ergebnis konnte Kocka zwar deutliche Tendenzen zur Ausbildung einer Klassenspaltung der deutschen Kriegsgesellschaft feststellen, aber auch viele gegenläufige Entwicklungen. Als wesentliche Ursache für die Revolution von 1918 erkannte Kocka schließlich den fortschreitenden Schwund der Loyalität gegenüber einem obrigkeitlich geprägten Interventionsstaat, der sich mit seinem Kriegsengagement selbst überfordert hatte.





