Unser Spezies, der Homo sapiens, gelangte vor rund 45.000 Jahren nach Europa und besiedelte in relativ kurzer Zeit den gesamten Kontinent. Schon wenig später waren die aus dem Süden stammenden Neuankömmlinge jedoch mit einem Klimawandel konfrontiert: Nach zunächst milderen Temperaturen wurde es in Europa kälter und trockener – die Hochphase der letzten Eiszeit setzte ein. Ab der Kulturstufe des Gravettien vor rund 32.000 Jahren dominierten nun offene Steppen die Landschaften. Vor rund 26.000 Jahren kam es dann mit dem glazialen Maximum zu einer weiteren Abkühlung, nun lagen dicke Gletscher über weiten Teilen Nord- und Mitteleuropas.
Zähne als Zeitzeugen
Doch welche Folgen die Eiszeit auf die Populationen der europäischen Jäger und Sammler hatte, ist bisher kaum geklärt. “Aufgrund der wenigen verfügbaren Fossilien und deren oft unzureichender molekularer Erhaltung für die Analyse alter DNA ist es sehr schwer, Aussagen darüber zu treffen, wie sich klimatische Faktoren auf Migration, Bevölkerungswachstum, -rückgang und -aussterben auswirkten“, erklärt Erstautor Hannes Rathmann vom Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment an der Universität Tübingen. Dieser Mangel an tragkräftigen Fossilfunden gelte vor allem für die Zeit des glazialen Maximums vor 26.500 bis 19.000 Jahren, der kältesten Phase der letzten Eiszeit. Dadurch blieb bisher strittig, wo Populationen damals überdauerten und wo sie vertrieben wurden. Auch zur Zahl der Menschen im eiszeitlichen Europa gibt es widersprüchliche Daten.
Um mehr Klarheit zu schaffen, haben Rathmann und seine Kollegen einen neuen Ansatz verfolgt: Statt der spärlichen Knochenfossilien und der noch spärlicheren in diesen Knochen erhaltenen DNA zogen sie für ihren Rückblick ins Eiszeitalter fossile Zähne heran. „Zähne sind das härteste Gewebe im menschlichen Körper und daher die am häufigsten von Archäologen gefundenen fossilen Skelettelemente”, erklärt Rathmann. Zudem weisen Zähne Merkmale auf, die vererbbar sind und daher Hinweise auf Verwandtschaftsverhältnisse auch längst Verstorbener liefern können. Dazu gehören kleine Varianten innerhalb des Gebisses, wie die Anzahl und Form der Kronenhöcker, Kamm- und Rillenmuster auf der Kaufläche oder das Vorhandensein oder Fehlen von Weisheitszähnen.
Solche Merkmale lassen sich sogar in Fotografien fossiler Zähne noch messen und vergleichen. „Die Untersuchung historischer Fotografien auf Zahnmerkmale war besonders spannend, da es uns ermöglichte, wichtige Fossilien einzubeziehen, die leider nicht mehr existieren, wie solche, die im Zweiten Weltkrieg verloren gingen oder zerstört wurden“, sagt Rathmann. Für ihre Studie analysierten die Forschenden Zahndaten von 450 Menschen aus ganz Europa, die im Zeitraum vor 47.000 bis 7.000 Jahren lebten.





