Im Mittelalter waren die meisten Länder Westeuropas hierarchisch und feudal organisiert: Die politische, wirtschaftliche und militärische Macht lag in den Händen des Adels. Auch der König als Herrscher stammte aus den Reihen des Adels, Titel und Status wurden vererbt. Bauern besaßen in der Regel kein eigenes Land, sondern waren Pächter, die für den adeligen Landbesitzer arbeiteten. Dies galt auch für das französische Königreich im 14. Jahrhundert.
Frankreichs Gesellschaft im Hundertjährigen Krieg
„Frankreich war damals eines der bevölkerungsreichsten Länder Europas mit 15 Millionen Einwohnern“, erklärt die Historikerin Erika Graham-Goering von der Universität Oslo. „In dieser Zeit stärkte sich die Monarchie in Paris und die Idee von Frankreich als Nation begann sich durchzusetzen.” Ein treibender Faktor für diese Entwicklung war der von 1337 bis 1453 dauernde “Hundertjährige Krieg” zwischen Frankreich und England. “Es gibt nichts Besseres als einen äußeren Feind für einen König, der Macht begehrt“, so Graham-Goering. Doch wie sah es unterhalb der Ebene des Königs aus? Wie war die Macht auf regionaler und lokaler Ebene verteilt und wie war die französische Gesellschaft organisiert?
„Für Historiker scheint es oft so, dass man entweder Frauen im Mittelalter oder die Oberschicht und die Machtelite erforscht. Ich glaube, dass diese Themen miteinander verbunden sind und nicht getrennt werden können, da Frauen erheblichen Einfluss hatten“, sagt Graham-Goering. Um dem nachzugehen, hat die Historikerin eine Vielzahl historischer Quellen ausgewertet, darunter originale Schriften aus Archiven, wie Briefe, Urkunden, Konten und rechtliche Texte. Eine ihrer Quellen ist auch Christine de Pizan (1364–1430), die als die erste bezahlte Schriftstellerin Europas gilt. „De Pizan schreibt über führende Frauen in der Aristokratie und wie erwartet wurde, dass sie ziemlich das Gleiche tun konnten wie Männer. Sie mussten alles wissen, von Gesetzen und Vorschriften bis hin zur Führung einer Armee.“
Jede fünfte Machtposition war mit einer Frau besetzt
Die Auswertungen der Historikerin zeigen, dass es selbst im mittelalterlichen Frankreich durchaus Frauen in Machtpositionen gab. “Frauen waren damals etwas anfälliger für Staatsstreiche, aber dennoch war jede fünfte Machtposition von einer Frau besetzt”, sagt Graham-Goering. Das bedeutet: Der Anteil von mächtigen Frauen war im mittelalterlichen Frankreich kaum geringer als der bei heutigen Regierungsoberhäuptern. Ein Beispiel war Jeanne de Penthièvre, die mit 15 Jahren, nach dem Tod ihres Onkels, Herzogin der Bretagne wurde. Dabei musste sich gegen mehrere Versuche der Machtübernahme durch konkurrierende Adelige – Männer – wehren. Doch in einem 24 Jahre dauernden Krieg es gelang ihr gemeinsam mit ihrem Mann, ihre Position zu behaupten. „Als Jeanne heiratete, blieb sie aber dennoch die rechtmäßige Eigentümerin des Landes“, betont Graham-Goering.





