Als im Mai 1775 die Abgeordneten des Zweiten Kontinentalkongresses der 13 britischen Festlandskolonien in Philadelphia, einer der Hochburgen des Widerstands gegen die Herrschaftsansprüche des Mutterlands, zusammenkamen, ahnte noch niemand, dass es nur zu bald um die Frage der Unabhängigkeit gehen würde. Seitdem rund 170 Jahre zuvor die ersten dauerhaften englischen Siedlungen in Nordamerika entstanden waren, hatte sich die Kolonialbevölkerung der Krone und den Traditionen Englands eng verbunden gefühlt. Selbst die aktuelle Rebellion gegen die als ungerecht empfundenen Herrschaftsansprüche des Parlaments in Westminster wurde damit begründet, dass man die angestammten Freiheitsrechte eines guten Engländers verteidige. Zudem glaubten noch viele der Rebellen – die sich lieber als Patrioten bezeichneten –, als Wahrer der Verfassung stünde der König trotz seiner Neigung zum französischen Absolutismus im Konflikt mit dem Parlament auf ihrer Seite.
Die Aufständischen ließen dabei nur allzu gern außer Acht, dass ihre Anliegen in mancherlei Hinsicht deutlich über die Rechte hinausgingen, welche die traditionell ungeschriebene britische Verfassung einem loyalen Untertanen seiner Majestät gewährte. Bis zum Siebenjährigen Krieg, der in Nordamerika nicht zuletzt dank des auch von George Washington verfochtenen Expansionismus der 13 Kolonien bereits 1754 mit einem Scharmützel im Ohio-Tal begonnen hatte, hatte sich das Mutterland nur alle Jubeljahre einmal um die wirtschaftlich wenig gewinnträchtigen Gebiete nördlich der Karibik gekümmert. Diese freundliche Vernachlässigung (benevolent neglect) hatte bei vielen Siedlern zu einer Haltung geführt, in der sich Autonomiestreben mit dem Anspruch mischte, die britische Regierung solle selbst sehen, wie sie den Schutz des Empire garantierte. Wenn man schon Steuern zahlen sollte, dann nur, wenn man im Parlament nicht nur virtuell vertreten war (was durchaus englischer Gewohnheit entsprach), sondern real mit eigenen gewählten Abgeordneten. „No Taxation without Representation“ lautete das Schlagwort, das bereits in den 1760er Jahren aufgetaucht war, als die ersten Nachkriegssteuern zu Unruhen geführt hatten.
Die Aufständischen waren aber nicht nur gereizte Steuerzahler, denen es aufgrund der Wirtschaftsstruktur des Empire an den finanziellen Möglichkeiten fehlte, die in London beschlossenen Steuern zu bezahlen. Sie ärgerten sich zudem über eine Reihe anderer Maßnahmen von Parlament und Krone, vor allem über die 1763 entlang den Appalachee Mountains gezogene Royal Proclamation Line, welche die westlich davon lebenden Indianerstämme vor einem weiteren Vordringen der an der Ostküste Nordamerikas lebenden Siedler schützen sollte. Dies berührte unmittelbar die Interessen der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Kolonialeliten (Washington etwa war in seiner Zeit als Landvermesser in Bodenspekulationen im Westen engagiert gewesen). Darüber hinaus ärgerte man sich zwischen Boston und Savannah über die Sonderrechte für Franzosen in Quebec (Quebec Act von 1774). All dies hatte seit 1773/74 dazu geführt, dass die anhaltenden Unruhen allmählich in einen regelrechten Aufstand umschlugen. Trotzdem hielt die Mehrheit der eher konserva‧tiven Revolutionäre zunächst an der Loyalität gegenüber dem Souverän, König Georg III. aus dem Haus Hannover, fest.





