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Wiens Triumph über die Seuchen
Seit rund 150 Jahren wird Wien über zwei Hochquellenleitungen mit frischem Wasser aus den Bergen versorgt – die damals zunächst utopisch anmutende Lösung befreite die Residenzstadt dauerhaft von den periodisch wiederkehrenden Seuchen.
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Wozu der technische und kostspielige Aufwand, Quellwasser aus dem Voralpenland nach Wien zu leiten, wenn die Donau breit und behäbig vorbeifließt? Mitte des 19. Jahrhunderts ging es um die Frage, wie die Wasserversorgung für die rasch wachsende Habsburg-Metropole bewältigt werden könne, nicht nur mengenmäßig: „Sauber und gesund“, hieß es, müsse das Wasser sein für eine Stadt, die seit dem Mittelalter immer wieder von Pest, Cholera und Typhus heimgesucht worden war.
Dass die Donau kein ausreichend gesundes Trinkwasser liefert, wussten schon die alten Römer: Für ihre Legionslager am Limes Pannonicus östlich von Vindobona (heute: Zentrum Wiens) zapften sie Grundwasserquellen weit abseits des südlichen Donauufers an. Anfang des 19. Jahrhunderts erhielt Wien erstmals ein modernes Versorgungsnetz, doch mit der Albertinischen sowie der Kaiser-Ferdinand-Wasserleitung konnte trotz ständiger Erweiterungen bereits um 1860 weder der stetig wachsende Bedarf gedeckt noch die erforderliche Reinheit garantiert werden.
Ausgerechnet zur Weltausstellung bricht die Cholera erneut aus
1831 erreichte eine europaweit grassierende Cholera-Epidemie auch Wien. In den folgenden vier Jahrzehnten starben 18 000 Menschen überwiegend durch verseuchtes Wasser aus hauseigenen Brunnen oder dem kommunalen Leitungsnetz. Zusätzlich vergifteten Abwässer von Färbereien und Ledergerbereien das Grundwasser.
Just zur Weltausstellung im Frühjahr 1873 brach die letzte Cholerawelle aus. Internationales Aufsehen erregte ein tragischer Fall im neueröffneten „Hotel Donau“ am Praterstern, nahe dem Schauplatz des Großereignisses. Ein Hotelgast, die britische Staatsbürgerin Anna-Maria Brewster, sollte Wien nicht mehr lebend verlassen. Ursache der tödlichen Erkrankung war keimbelastetes Wasser aus dem hoteleigenen Brunnen. Während die Londoner „Times“ in großer Aufmachung darüber berichtete, versuchte die Wiener Stadtregierung zunächst, den Vorfall wegen der Weltausstellung zu vertuschen. „In Wien gibt es keine epidemische Krankheit“, berichteten die heimischen Gazetten obrigkeitshörig.
Doch die Cholera-Fälle häuften sich, die internationalen Gäste blieben aus, die Weltausstellung geriet zu einem Desaster. Und als Draufgabe folgte der berühmte Börsencrash des 9. Mai 1873. Denn die Aussicht auf die Weltausstellung, verbunden mit übertriebenem Optimismus, hatte zu einer Spekulationsblase geführt.
Eduard Suess (1831–1914), führender Geologe Österreich-Ungarns, hatte bereits um 1860 einen Plan vorgelegt, den zunächst sowohl Politiker als auch Investoren als zu teuer und zu utopisch abgelehnt hatten: den Bau einer fast 100 Kilometer langen Hochquellenwasserleitung aus dem niederösterreichischen Voralpenland. Sein größter Gegner war Wiens Bürgermeister Andreas Zelinka, der darauf bestand, die Donau als unerschöpfliches Reservoir zu nutzen: „Suess, Sie sind ein Narr!“, kanzelte ihn der Stadtchef im Gemeinderat ab. Aber der Geologe hatte auch einen starken Unterstützer: Zelinkas Stellvertreter Cajetan Felder glaubte an die „beste, wenn auch radikalste Lösung“, mit der Suess die Epidemien endgültig stoppen wollte. Nur kam deren Realisierung für die Weltausstellung Monate zu spät.
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Schon Kaiser Karl VI. (1711–1740) war auf die Idee gekommen, den Wasserreichtum in den Voralpen anzuzapfen, als er sich während eines Jagdausflugs im finsteren Höllental, durch das die Schwarza in einem tiefen, schmalen Flussbett zwischen steilen Felsflanken rauscht, an einer Quelle erfrischte. Weil der Leibarzt fand, das Wasser tue der Gesundheit Seiner Majestät gut, nannte man sie die Kaiserbrunnquelle. Der Monarch ließ die Erfrischung in Holzfässern nach Wien transportieren, die sogenannten Wasserreiter waren mit ihren Lasttieren hin und zurück fünf Tage unterwegs. Doch reichte diese Art der Versorgung allenfalls für den Hof.
Beim Ortstermin im Gebirge: der Schwur von Leobersdorf
Cajetan Felder, 1868 zum Bürgermeister gewählt, war ein Liberaler mit starkem Fortschrittsdrang. Er war auch Vorsitzender der Wasserkommission und mit Suess befreundet, der ebenfalls im Gemeinderat saß. Kommunalpolitiker und Experten arbeiteten sich durch die verschiedenen eingereichten Pläne und Vorschläge, doch nur die Idee von Suess versprach, die hohen Erwartungen in die Wasserqualität zu erfüllen.
Für das kühne Projekt sprach auch die Erkenntnis, dass die weitere Modernisierung Wiens, die wenige Jahre zuvor mit dem Abriss der mittelalterlichen Stadtmauer und dem Bau des Prachtboulevards „Ringstraße“ begonnen hatte, maßgeblich von sauberem Trinkwasser, mithin von der allgemeinen Gesundheit seiner Bewohner abhing. Die Donaustadt hatte zudem enormen Aufholbedarf: Metropolen wie Paris und London waren mit zeitgemäßer Wasserversorgung wesentlich weiter.
Der Stadthistoriker Peter Payer berichtet in seinem Buch „Gebirgswasser für die Stadt“ von einem Ortstermin im August 1864, bei dem eine historische Entscheidung fiel. Felder und Suess, begleitet von einem Stadtrat, inspizierten das als besonders ergiebig geltende Quellgebiet rund um die 2000 Meter hohen Wiener Hausberge Rax und Schneeberg. Auf der Rückfahrt nach Wien nutzte das Trio die Wartezeit am Umsteigebahnhof Leobersdorf für eine letzte Beratung. Sie waren sich einig, dass nur dieses Gebirgsmassiv aus Kalk und Dolomit Wasser von höchster Reinheit hervorbringe.
Nach einer Stunde verkündete der sonst eher nüchterne Suess in schwülstiger Prosa: „Geben wir uns … das unverbrüchliche Wort …, dass die große Idee, die uns hierher gebracht, auch ins Leben gerufen und durchgeführt werde.“ Die Rede ging als „Schwur von Leobersdorf“ in die Geschichte ein. Derart mit dickem Pathos beladen, war die Hochquellenleitung bereits zum Mythos geworden, noch ehe sie gebaut war.
Der 1831 in London geborene Suess war Spross einer sächsischen Kaufmannsfamilie. Er wuchs in Prag und Wien auf. Später zeigte der Gymnasiast starkes Interesse für Wissenschaft und Politik. Als Geologiestudent sympathisierte er mit den italienischen Aufständischen Garibaldis; ein Brief an einen Freund mit politisch verfänglichem Inhalt brachte ihn für zwei Jahre ins Gefängnis. Danach wurde er rehabilitiert und machte eine steile Karriere als hochanerkannter und einflussreicher Geowissenschaftler.
Suess trieb auch die Donauregulierung voran, die Wien von der nahezu jährlichen Überschwemmungskatastrophe erlöste. Internationalen Ruf erwarb er sich, indem er den Begriff „Biosphäre“ prägte, sowie mit der Erforschung des erdgeschichtlichen Großkontinents Gondwana und des Tethys-Urmeeres. Auch der junge Kaiser war von Suess beeindruckt und gewährte ihm seine Gunst: Der nur ein Jahr ältere Franz Joseph I. ernannte den damals 25-jährigen Wissenschaftler ohne Habilitation zum ersten außerordentlichen Professor für Paläontologie an der Universität Wien.
Die erste Fontäne: historischer Moment am 24. Oktober 1873
Am 12. Juli 1866 beschloss der Wiener Gemeinderat mit 65 Ja- und 45 Nein-Stimmen, die Quellen in den niederösterreichischen Voralpen zu erschließen und eine Leitung nach Wien zu bauen. Nach einer öffentlichen Ausschreibung erhielt der Londoner Bauunternehmer Antonio Gabrielli, ein gebürtiger Italiener und international anerkannter Spezialist für Wasserbau-Großprojekte, den Auftrag. Tatsächlich war die Hochquellenleitung eine bis dahin nicht gekannte technische Herausforderung; nur den Wassertransport nach Wien besorgte die Schwerkraft des Gefälles. Die Finanzierung erfolgte durch Anleihen – budgetiert wurden 17 Millionen Gulden (heutiger Wert: 221 Millionen Euro) – und später auch durch Wassergebühren.
Der Kaiser, vom Projekt begeistert, schenkte der Stadt die von Karl VI. geerbte Kaiserbrunnquelle und setzte den ersten Spatenstich. Drei Jahre später, am 24. Oktober 1873, eröffnete der Monarch die nach ihm benannte „Kaiser-Franz-Joseph-Hochquellenleitung“. Tausende Wiener waren gekommen, um die Ankunft des „neuen Wassers“ zu begrüßen. Dann schoss auf ein Signal von Suess mitten in der Stadt, am Schwarzenbergplatz, unter großem Jubel aus dem neuerbauten Hochstrahlbrunnen eine sechs Meter hohe Fontäne frischen Quellwassers in die Höhe. Der Kaiser nahm eine Kostprobe aus einem Kristallkelch, sie mundete ihm „ausgezeichnet“. Und Suess war von dem historischen Moment überwältigt: „Mir schnürte sich die Kehle zusammen.“
Die Zeitung „Freie Presse“ feierte das Jahrhundertprojekt wie eine Heldentat: „Ein Werk, jenen Bauten der Römer gleich und wohl auch überlegen“ sei da geschaffen worden. Das Satireblatt „Kikeriki“ gratulierte mit maßvollem Spott: Die Karikatur auf der Titelseite zeigt Bürgermeister Felder waagrecht schwebend – auf der schäumenden Wasserfontäne zappelnd.
Auch in ausländischen Medien fand der „Triumph der modernen technischen Wissenschaft“ („Leipziger Illustrirte Zeitung“) großes Interesse. Wien wäre nicht Wien, stünde die Kultur bei einem Großereignis abseits: Eduard Strauss, jüngster Spross der berühmten Walzer-Dynastie, komponierte 1911 zum 80. Geburtstag von Suess eine Polka-Mazur mit dem Titel „Die Hochquelle“. Rudolf von Alt und sein jüngerer Bruder Franz, Wiens populäre Architektur- und Landschaftsmaler, verewigten die Hochquelle in großformatigen Aquarellen.
1860 zählte Wien rund eine halbe Million Einwohner, pro Kopf und Tag durften nur vier bis fünf Liter Wasser verbraucht werden. 13 Jahre später floss es unaufhörlich aus der Hochquellenleitung, täglich 138 000 Kubikmeter für mittlerweile über eine Million Einwohner. Die Trasse führte von Kaiserbrunn über Payerbach, Neunkirchen, die Wiener Vororte Bad Vöslau, Baden, Mödling und Liesing bis zur Endstation, dem Großspeicher am Wiener Rosenhügel. Der Höhenunterschied betrug 276 Meter, die Fließzeit 16 Stunden.
Ein großes Problem war anfangs die stark schwankende Wassermenge: Zu Regenzeiten und Schneeschmelzen spendeten die Quellen Überschuss, in trockenen Sommern und Frostperioden herrschte Mangel. Wiederholte Rohrbrüche, lange Pausen durch Baumängel und Reparaturen sowie immer wieder auftretende Trübungen und Verunreinigungen bescherten der Hochquellenleitung vorschnell den Ruf einer gigantischen Fehlinvestition. Erstaunlich auch, dass das Quellgebiet Rax-Schneeberg erst 1965 unter gesetzlichen Schutz gestellt wurde, obwohl dies Suess bereits zu Lebzeiten angeregt hatte.
Suess war indes nicht auf Lob und Anerkennung aus, er verweigerte jegliche Auszeichnung. Nicht einmal zur Eröffnungsfeier, zu der die Wiener Prominenz im Kursalon nahezu geschlossen zusammenkam, ließ er sich blicken. Für ihn zählte allein, dass er sein Versprechen halten konnte, die Seuche in den Griff zu bekommen: 1888, 15 Jahre nach Eröffnung, floss in 90 Prozent aller Häuser in Wien reines und gesundes Wasser aus der Hochquelle. Die lange Epoche der Seuchen war endgültig vorbei.
Auch die zweite Leitung ruft zunächst Widerstand hervor
Aber die Versorgung war immer noch unzureichend. Innerhalb von rund 60 Jahren, von 1850 bis 1910, war die Wiener Bevölkerung auf das Vierfache, rund zwei Millionen Einwohner, gewachsen. Gründe dafür waren einerseits die Eingemeindung Dutzender Vororte sowie andererseits die starke Zuwanderung aus allen Winkeln der Monarchie. Vor allem Scharen von Armen am Rand des russischen Zarenreichs zog die aufstrebende Kaiser- und Residenzstadt wie ein Magnet an. Doch blieben die meisten Zuwanderer notleidend und waren oft Opfer wirtschaftlicher Ausbeutung.
1890 beschloss der Gemeinderat den Bau einer zweiten Hochquellenleitung. Der Hochschwab, ein Gebirgsstock in der Obersteiermark, bot sich als weiteres reiches Quellgebiet an. Die geplante, 180 Kilometer lange Trasse sollte nördlich der ersten Leitung gebaut werden – über Lunz, Scheibbs und Wilhelmsburg bis nach Hütteldorf am Westrand Wiens sollten täglich 180 000 Kubikmeter Wasser zusätzlich zu den Verbrauchern fließen.
Doch es gab erneut Widerstand, diesmal der anderen Art. Der populäre Christsoziale Karl Lueger (DAMALS 9-2022) bewarb sich um das Amt des Wiener Bürgermeisters, im Chor rechtsnationaler Burschenschafter entfachte er eine Kampagne gegen Suess, dessen Mutter jüdische Wurzeln hatte. Lueger war der Erfinder des machtpolitisch instrumentalisierten Antisemitismus, Adolf Hitler verehrte ihn später als Vorbild.
Doch als gewählter Bürgermeister war Lueger auch ein pragmatischer Macher, er prägte eine moderne, bürgernahe Kommunalpolitik, die dem heutigen Populismus ähnlich ist, und trieb den Bau der Hochschwableitung voran. Als 1908 wegen des stetig gestiegenen Wasserbedarfs eine Versorgungskrise ausbrach, veranlasste Lueger, die Fertigstellung zu beschleunigen. Die Eröffnung am 2. Dezember 1910 erlebte er nicht mehr; er war im März davor verstorben. Der mittlerweile gealterte Kaiser ließ sich diesmal bei der Eröffnung nicht persönlich blicken. Er schickte einen handgeschriebenen Brief, in dem er den Erbauer mit „Lieber Dr. Suess“ ansprach, ihm den Doktortitel quasi ehrenhalber verlieh. In gestelzter, feierlicher Hofsprache streute Franz Joseph seinem berühmten Untertan Rosen: „Die Gebildeten auf dem ganzen Erdball kennen Ihren Namen als einen der glänzendsten und die Welt der Gelehrten reiht ihn unter ihre besten.“ Er habe ein Werk geschaffen, das die Wiener „an jedem Tag als Wohltat empfinden“. Am Schluss versicherte der Kaiser Suess „Meiner dauernden Wertschätzung und Meiner unwandelbaren Huld“.
Späte Ehrung für den Wasserpionier
Noch bis 1988 wurden die Hochquellenleitungen und das Versorgungsnetz um neue Quellanschlüsse, Stollen, Wasserschlösser (hydrotechnische Anlagen zum Druckausgleich), Speicher, Pumpkraftwerke und Aquädukte erweitert. Die beiden insgesamt 330 Kilometer langen Trassen haben mittlerweile den Ausgangspunkt in Quellengebieten in der Obersteiermark, unweit des Wallfahrtsortes Mariazell. Das Versorgungsnetz (Rohre und Kanäle) ist 3000 Kilometer lang, hinzu kommen 800 Kilometer Anschlussleitungen in die Wohnhäuser. Mit zusätzlich drei riesigen Reservoirs innerhalb der Stadtgrenzen glaubt man die Versorgung krisenfest gesichert. Laut der Magistratsabteilung „Wiener Wasser“ fließen täglich rund 400 Millionen Liter Wasser aus insgesamt 70 Gebirgsquellen in die österreichische Hauptstadt, das entspricht nahezu dem Gesamtbedarf. Das Wasser erreicht die Stadtgrenze völlig naturbelassen, nötig ist danach nur eine leichte Desinfizierung mit UV-Licht und Chlordioxid.
Im Rückblick war die Hochquellenleitung eine revolutionäre Idee. Die Versorgung war bis dahin der Privatwirtschaft anvertraut, sauberes Wasser teuer und daher ein Privileg der gehobenen Klasse, die sich auch einen direkten Anschluss in ihren Villen und Luxuswohnungen leisten konnte. Dank Felder und Suess wurde die Versorgung eine kommunale Angelegenheit, die seither allen Menschen zugutekommt, vor allem ihrer Gesundheit, und nebenbei auch ihr Einkommen schont.
Nachhaltig verändert hat die Pionierleistung von Suess und Felder auch das Sozialleben der Stadt. In immer mehr Mietskasernen wurde in jedem Stockwerk an der Wand ein Wasserhahn mit einem kleinen Emailbecken installiert. Hier trafen sich Hausfrauen mit Eimern zum „Bassena-Tratsch“ (dem französischen Wort bassin entlehnt), tauschten den neuesten Klatsch oder auch Gehässigkeiten über unliebsame Nachbarn aus. Heute haben die meisten Wohnungen einen direkten Wasseranschluss. Der Begriff „Bassenawohnung“ ist allerdings geblieben und wird heute sogar in der Amtssprache als Synonym für den Substandard („Wasser und Klo am Gang“) verwendet.
1928 wurde der Kaiser, den es nicht mehr gab, aus dem Projektnamen gestrichen, bis heute lautet die offizielle Bezeichnung „1. und 2. Wiener Hochquellenleitung“. Eduard Suess war zu Kriegsbeginn 1914 verstorben, sein Freund und Förderer Cajetan Felder
20 Jahre zuvor. Während Felder alle offiziellen Ehren erhielt, würdigte die Stadt Wien ihren Wasserpionier Suess sehr spät, 1928, mehr als ein halbes Jahrhundert nach Eröffnung der ersten Hochquelle und zehn Jahre nach dem Untergang der Monarchie, mit einem eher bescheidenen Denkmal nahe dem Hochstrahlbrunnen am Schwarzenbergplatz. Der damalige sozialdemokratische Bürgermeister Karl Seitz erinnerte in seiner Rede an den kleingeistigen Hohn, der einstmals dem Erbauer entgegenschlug: „Wie
hat man Suess verlacht, als er für ganz Wien … zu beliebigem Gebrauch Wasser beschaffen wollte!“ Die Nationalsozialisten hatten das Denkmal wegen Suess’ jüdischer Vorfahren entfernt, nach 1945 wurde es wieder aufgestellt.
Ein „Wasserleitungsmuseum“ in Kaiserbrunn erzählt die gesamte Baugeschichte, auf „Wasserwanderwegen“ können Besucher das Wissen vertiefen. Auch Touristen aus aller Welt rechnen Wien als großes Plus an, sich an insgesamt 1300 öffentlichen Trinkbrunnen gratis und unbedenklich erfrischen zu können.
Das „gute Wasser“ ist für die Wiener zur Selbstverständlichkeit geworden. Die Gefahr einer Privatisierung, die wohl eine Erhöhung der Gebühren und auch Unsicherheiten in der Versorgung brächte – Berlin und Paris lieferten bereits abschreckende Beispiele –, besteht im rot regierten Wien nicht. Andernfalls würden die Wiener für ihr Wasser wohl auf die Barrikaden steigen.
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