1492 ist als das Jahr der Entdeckung Amerikas in die Geschichte eingegangen: Christoph Kolumbus erreichte die Bahamas und damit die Neue Welt. Doch eigentlich war dies nicht das erste Mal, dass Europäer ihren Fuß auf amerikanischen Boden setzten: Jahrhunderte zuvor hatten bereits die Wikinger mit ihren legendären Langbooten über Zwischenstationen in Island und Grönland auch Nordamerika erreicht. Davon zeugen mittelalterliche Überlieferungen, die schließlich durch Funde von Überresten eines kleinen Stützpunktes in Neufundland im Westen Kanadas untermauert wurden. Wann genau die Nordmänner die Gebäude in L’Anse aux Meadows errichtet haben, ließ sich bisher allerdings nur vage auf die Zeit um das Jahr 1000 eingrenzen, da Funde bisher nicht präzise datiert werden konnten.
Kosmisches Ereignis als Fixpunkt
Im Fall von drei Funden aus L’Anse aux Meadows ist dies den Forschern um Michael Dee von der Universität Groningen nun allerdings geglückt. Es handelt sich um Holzstücke, die anhand des Kontextes und den Bearbeitungsmerkmalen den Wikingern zugeordnet werden konnten. Sie weisen deutliche Schnittspuren auf, die durch Metallklingen entstanden sind. Da dieses Material bei der einheimischen Bevölkerung Neufundlands unbekannt war, handelt es sich eindeutig um von den Europäern behandeltes Holz. Die drei Stücke stammten den Untersuchungsergebnissen zufolge von drei unterschiedlichen Bäumen und sogar von zwei verschiedenen Arten.
Diese Holzstücke unterzogen die Forscher einer Radiokarbondatierung, bei der die einzelnen Jahresringe analysiert wurden. Diese Art der Altersbestimmung basiert auf dem Nachweis von radioaktivem Kohlenstoff – 14C-Atomen – die in organischen Materialien eingelagert wurden. Im Fall der drei Holzstücke konnten die Forscher nun die Besonderheit nutzen, dass ein Strahlensturm im Jahr 992 für einen Anstieg des radioaktiven Kohlenstoffs in der Atmosphäre gesorgt hat. “Dieser deutliche Anstieg beim Radiokohlenstoff zwischen 992 und 993 wurde in Baumringarchiven auf der ganzen Welt festgestellt”, erklärt Dee.
Im Jahr 1021 gefällt
Die Analysen der drei Holzstücke aus L’Anse aux Meadows zeigten nun: Jedes wies dieses Kohlenstoffsignal 29 Jahresringe vor der Rindenkante des jeweiligen Holzmaterials auf. Somit mussten die Forscher für die Datierung nur addieren: “Der Befund ermöglichte die Schlussfolgerung, dass die Bäume im Jahr 1021 gefällt worden waren”, sagt Erstautorin-Autorin Margot Kuitems von der Universität Groningen. Dieses Jahr – kurioser Weise genau vor 1000 Jahren – markiert somit nun den frühesten bekannten Zeitpunkt, an dem Europäer jenseits des Atlantiks nachzuweisen sind.
Allerdings führte dieser erste Schritt auf amerikanischen Boden nicht zu den weitreichenden Folgen wie im Fall der zweiten Entdeckung durch Kolumbus. Die genaue Anzahl der Expeditionen der Wikinger nach Amerika und die Dauer ihres Aufenthalts bleibt zwar unklar. Doch aus den archäologischen Befunden in L’Anse aux Meadows geht hervor, dass der Stützpunkt schon bald wieder aufgegeben wurde und bisher sind keine weiteren Effekte der Entdeckungen der Wikinger auf die Region bekannt.





