Waren die berüchtigten Seefahrer des Nordens auch samt Streitross unterwegs? Bei der Eroberung Englands durch die als Nachfahren der Wikinger geltenden Normannen scheint der Fall klar: Im Jahr 1066 wurden Pferde auf Schiffen aus Nordfrankreich an die südenglische Küste transportiert, zeigen historische Abbildungen auf dem Teppich von Bayeux. Doch rund 200 Jahre zuvor schien das bei den Raubzügen der Wikinger in England anders gewesen zu sein: Aus angelsächsischen Chroniken des 9. Jahrhunderts geht hervor, dass die Krieger aus Skandinavien sich ihre Pferde erst von den Bewohnern der betroffenen Region East Anglia aneigneten, nachdem sie mit ihren Schiffen angekommen waren. Doch von dieser Regel gab es offenbar zumindest einige Ausnahmen, wie nun die Studie der Forscher um Tessi Löffelmann von der University of Durham nahelegt.
Verkohlte Knochen im Visier
Für ihre Studie haben sie Knochenfunde untersucht, die aus einem Gräberfeld in der englischen Grafschaft Derbyshire stammen. Historische Überlieferungen belegen, dass dort im Jahr 873 n. Chr. ein Wikinger-Heer überwintert hat. Dass die dortigen Grabhügel Mitgliedern dieser Gruppe zuzuordnen sind, geht außerdem aus der typischen Bestattungsweise hervor: Es wurden Überreste aus Einäscherungen beigesetzt, was damals in der einheimischen Bevölkerung Englands nicht üblich war.
Aus einem dieser Begräbnishügel wurden verschiedene verkohlte Knochenstücke geborgen, die nun im Fokus der Studie standen. Den grundlegenden Befunden zufolge handelt es sich um die Knochen von drei Menschen. Offenbar wurden allerdings auch die Überreste von eingeäscherten Tieren beigesetzt: Denn weitere Knochen wurden einem Pferd, einem Hund sowie einem Schwein zugeordnet. Bei allen Knochenfragmenten haben Löffelmann und ihre Kollegen nun die Strontium-Isotopenverhältnisse analysiert. Diese Technik kann anhand regionalspezifischer Signaturen Hinweise darauf liefern, wo ein Lebewesen einen Großteil seines Lebens verbracht hat.
Weitgereiste Tiere
Wie die Forscher berichten, weist der Strontium-“Fingerabdruck“ zumindest bei einer der drei Personen deutlich auf eine Herkunft außerhalb Großbritanniens hin – und bei den Tieren war dies ebenso der Fall. Konkret passen die Muster zu dem Gebiet des sogenannten Baltischen Schildes, das Teile Skandinaviens umfasst. Den Werten zufolge können diese Individuen vor ihrem Tod nicht lange in England gelebt haben, sagen die Forscher. Zumindest eine Person ist somit deutlich den Wikingern zuzuordnen. Wichtiger sind allerdings die Befunde bei den Tieren, sagen die Forscher. „Dies ist der erste solide Hinweis darauf, dass die Skandinavier die Nordsee bereits im neunten Jahrhundert n. Chr. mit Pferden, Hunden und möglicherweise anderen Tieren überquerten“, sagt Löffelmann. Wie die Forscher erklären, erscheint es im Fall des Schweineknochens allerdings denkbar, dass es sich um ein Stück gehandelt hat, das nicht von einem lebenden Tier stammte. Möglicherweise war es Teil eines Talismans, der aus Skandinavien mitgebracht worden war.





