Obgleich extrem kenntnisreich und gleichzeitig sehr unterhaltsam geschrieben, wird das Buch dem im Titel formulierten Anspruch, die Rolle der Frau in der Wikingerzeit zu beleuchten, nicht gerecht. Denn die Autorin schildert nicht ausgehend vom neuesten Stand der archäologischen Forschung das Leben der Frauen in der Wikingerzeit des 8. bis 11. Jahrhunderts, sondern analysiert die Frauenfiguren der altnordischen Sagaliteratur. Niedergeschrieben seit dem 13./14. Jahrhundert auf Island, schildern die Sagas vorgeblich historische Ereignisse hauptsächlich auf Island zur Wikingerzeit.
Aufgrund der zeitlichen Diskrepanz bietet die Sagaliteratur zwar durchaus einen wertvollen Referenzrahmen für archäologisch-historische Forschung, aber bei Weitem keinen ungefilterten, realistischen Blick auf die Wikingerzeit selbst. Diese kritische Perspektive fehlt im Buch. Archäologische Quellen werden nur in Einzelfällen zur Bestätigung der literarischen Aussagen herangezogen, und die Rolle der Archäologie als reine Hilfswissenschaft zur Illustration der Sagas zeigt sich auch in dem mitunter reichlich unprofessionellen Umgang mit archäologischer Forschung; während die Frage nach der Existenz von Schildmaiden in der Wikingerzeit durchaus kritisch ausgehend von dem aktuellen Forschungsstand diskutiert wird, werden an anderen Stellen aus wissenschaftlicher Sicht nur schwer haltbare Behauptungen zu archäologischen (Be-)Funden gar nicht oder nur ungenügend durch Literaturverweise belegt. So werden teils populäre Narrative und klassische Mythen reproduziert, die aus archäologischer Sicht schon lange nicht mehr haltbar sind, wie etwa die Behauptung von einer einheitlichen Identität als Wikinger bzw. einer Ethnie „Wikinger“.
Liest man das Buch als das, was es ist – eine extrem kenntnisreiche und sehr gut geschriebene Analyse der Frauenfiguren in den altnordischen Sagas –, ist es ein unterhaltsames und informatives Werk über die sicherlich noch von wikingerzeitlichen Mentalitäten geprägten Rollen von Frauen in einer einzigartigen Literaturgattung und damit auch ein ausgezeichneter Ausgangspunkt für eine tiefergehende archäologisch-historische Annäherung an die realen Frauen der Wikingerzeit.
Rezension: Dr. Matthias Toplak
Jóhanna Katrín Friðriksdóttir
Walküren
Frauen in der Welt der Wikinger
Verlag C. H. Beck, München 2024, 304 Seiten, € 28,–





