Schon die Geschichtsschreiber der Antike demonstrieren, dass Geschichtsschreibung nur selten neutral ist: Der Bericht über Konflikte und Kriege ist oft parteiisch – Angehörige der eigenen Nation werden positiver dargestellt, die Gegner und ihre Motivation dagegen negativer. Der Grund dafür ist tief in unserer Psychologie verankert, denn tendenziell neigen Menschen dazu, ihre eigene soziale Gruppe positiver zu bewerten als die Fremdgruppe. “In der Psychologie nennen wir das den Eigengruppenfehler”, erklärt Aileen Oeberst von der Fernuniversität Hagen. Kein Wunder daher, dass es solche subtilen Verzerrungen auch in der Gegenwart gibt: Wer beispielsweise ist schuld am Konflikt zwischen Russland und der Ukraine? Und wer blockiert den Friedensprozess zwischen Israel und Palästina? Die Antwort auf diese Frage hängt stark davon ab, wen man fragt.
Sprachversionen im Vergleichstest
Unklar war jedoch bisher, ob es diese verzerrte Sicht auf Konflikte auch auf kollektiver Ebene gibt. Das haben Oeberst und ihre Kollegen nun an dem bekanntesten Beispiel von internationalem Teamwork näher untersucht: an der Online-Enzyklopädie Wikipedia. An dieser kollaborativen Plattform schreiben Autoren aus verschiedenen Ländern und mit unterschiedlichsten Hintergründen mit. Die meisten Einträge sind daher Gemeinschaftsproduktionen. Das Spannende für das Aufspüren von Eigengruppenfehlern ist dabei, dass Einträge über Konflikte in unterschiedlichen Sprachversionen existieren. Dadurch lässt sich untersuchen, ob ein Konflikt in der Sprache einer der Konfliktparteien in anderen wertenden Nuancen beschrieben wird als in der Sprache des jeweiligen Gegners.
Für ihre Studie suchten Oeberst und ihr Team jeweils diese beiden Sprachversionen für 35 Konflikte von der frühen Neuzeit bis zur Moderne heraus. Vertreten waren unter anderem der Englisch-Spanische Krieg von 1585 bis 1604 und der Preußisch-Französische Krieg von 1870/71, aber auch der Angriff der Japaner auf Pearl Harbor und der Atombombenabwurf der USA auf Japan. Unter den neueren Konflikten war der Falklandkrieg zwischen Argentinien und England, der Russisch-Georgische Krieg und der Streit um Zypern. Um mögliche Verzerrungen aufzuspüren, ließen die Forscher zunächst alle Artikel ins Deutsche übersetzen. Dann wurden beide Versionen Dutzenden verschiedenen Wertern vorgelegt, die die Gewichtung der Artikel nach bestimmten Regeln einschätzen sollten – ohne dabei zu wissen, welche der beiden Sprachfassungen sie gerade lesen.
Verzerrung nachweisbar
Das Ergebnis: Über alle 35 Konflikte hinweg war der Einfluss von Eigengruppenfehlern nachweisbar, wie Oeberst und ihre Kollegen berichten. Obwohl die Wikipedia-Artikel von einem Autorenkollektiv verfasst werden und keine Länder-, sondern nur Sprachversionen haben, gibt diese wertenden Verzerrungen demnach in vielen Beiträgen über Konflikte. “In vielen Artikeln wird die eigene Gruppe systematisch besser oder auch mächtiger dargestellt und die andere Konfliktpartei als unmoralischer und stärker verantwortlich für den Konflikt”, unterstreicht Oeberst. Diese Verzerrung der Sichtweise ist meist schon im Einsteigabsatz der Beiträge bemerkbar und zeigt sich manchmal sogar im Titel: “Selbst scheinbar neutrale Titel von Konflikten wie der Französisch-Preußische Krieg können eine Wertung vermitteln, indem sie die eigene Gruppe zuerst nennen”, erklären die Forscher.





