Sie mochten einander nicht, die beiden Kaiserinnen. Heilig die eine, Adelheid, verworfen die andere, Theophanu, “all der keiserinne spott”, wie es der spätmittelalterliche sächsische Weltchronist formulierte. So gingen sie in das kulturelle Gedächtnis der Deutschen ein. Erst die moderne Wissenschaft erkannte die Fehlerhaftigkeit derartiger Vergangenheitsbilder. War es Fremdenhaß, der das Erinnern lenkte? Denn Theophanu war Griechin aus Byzanz, Herrscherin ohne Familie, ohne Hausmacht im Westen, eine Fremde im Reich ihres Gemahls und ihres Sohnes. Adelheid aber ward als burgundische Königstochter geboren, war italische Königswitwe, als der sächsische König Otto sie 20jährig freite, entstammte dem illustren Welfenhaus, war nah und fern versippt mit der gesamten Hocharistokratie des lateinischen Westens. Sie besaß zahlreiche Fürsprecher und Propagatoren ihres Heiligenkultes.
War Neid, privater Haß im Spiel? Hatte doch Adelheid als Gemahlin einem der erfolgreichsten Herrscher des Mittelalters, eben Otto dem Großen zur Seite gestanden, während Theophanu mit dessen gleichnamigem Sohn das Lager teilte, der, wenn nicht als Versager, so doch als Geschlagener in die Geschichte einging, schon den Zeitgenossen tadelnswert. Gleichwohl trat Theophanu stärker als ihre Schwiegermutter als Regentin hervor, übte mehr Macht aus, als es galt, dem dritten der Ottonen, einem minderjährigen Kind, ihrem einzigen Sohn, den Thron zu retten, lenkte gar, die Frau und Witwe, das Reich als “Kaiser” (imperator augustus), hieß schon neben dem Gemahl “Mitkaiserin” (coimperatrix), wo Adelheid in gleicher Lage nur als “Teilhaberin am Kaisertum” (consors imperii) erschien und wo sie nun hinter der jüngeren Witwe, der Fremden, der Schwiegertochter zurücktreten mußte. Es mochte wie eine Umkehrung der Verhältnisse wirken: Die Witwe des siegreichen sah sich von der Witwe des geschlagenen Otto bedroht: Wenn ich noch ein Jahr lebe, so kurz vor ihrem Tod Theophanu angeblich an die Adresse ihrer Schwiegermutter gerichtet, soll Adelheid nicht mehr in der Welt beherrschen als eine Handbreit Boden. Entsprangen solche Drohgebärden nur persönlicher Animosität? Einem verzerrenden Erinnern? Kein Geringerer als der Abt Odilo von Cluny überlieferte sie, ein heiliger Mann, der zudem Adelheid gut kannte und am Hofe ihres Enkels, Ottos III., gern gesehener Gast war. Oder sahen sich tiefer liegende Strukturen des mittelalterlichen Königtums berührt, welche die Königinnen nicht unbeteiligt lassen konnten? “Teilhaberin am Reich”, “Mitkaiserin”, die Frau gar mit männlichem Titel “erhabener Kaiser”. Witwen an der Macht? Konkurrierten Adelheid und Theophanu nach dem Tod ihrer Ehemänner um die Herrschaft? Waren sie in einer solchen Weise an ihr beteiligt, daß sie einander zu hassen lernten? Gar “hassen” mußten? Ein Beispiel für die Bedingungen personaler Königsherrschaft und eines Kaisertums, das sich in der Face-to-Face-Gesellschaft des frühmittelalterlichen Adels zu bewähren hatte?
Wie auch immer, streitsüchtige, machtgierige, hassende Königinnen begegneten allenthalben in der Geschichtsschreibung, der Dichtung des früheren Mittelalters. Wir fassen in solchen Nachrichten das spannungsreiche Zusammenspiel lebensvoller Menschen mit den sich etablierenden oder neu ausformenden, die Individuen übersteigenden sozialen und institutionellen Strukturen. Agonale Konkurrenz, Wettkampf, beherrschte diese Gesellschaft und machte vor den Frauen nicht halt. Ein Streit der Königinnen verschuldete den blutigen Untergang des Helden Sigfrid, des wackeren Gunther und des trutzigen Hagen in “der Nibelunge not”, dem mittelhochdeutschen Epos, dessen erste Spuren eben jetzt, am Ende des 10. Jahrhunderts, auftauchten. Reflektierten sie wirkliche Geschehnisse im Königshaus? Schön, sittsam und klug sei die Prinzessin aus Burgund gewesen. Die zeitgenössische Dichterin Hrotsvith von Gandersheim pries ihren Liebreiz. Freude durchzog mit der Hochzeit das Reich, Mächtige und Arme jubelten ob der Vermählung. Der König hatte wieder eine Königin, das Königshaus eine Hausherrin. Dort, im Haus, lag das Zentrum der Macht. Nur einer empfand Trauer und Furcht, Liudolf, der Sohn der verstorbenen Königin Edgith, der ersten Gemahlin Ottos des Großen, einer angelsächsischen Prinzessin. Er wußte, daß jede Ehe Kinder hervorbringen sollte; und er, der nun Mutterlose, fürchtete jüngere Brüder von der mitregierenden Stiefmutter, die ihm das Erbe, die künftige Krone, streitig machen würden. So war es bislang noch immer gewesen. Voll düsterer Sorgen flüchtete Liudolf alsbald in die Verschwörung und in den Aufstand gegen den Vater, um seinen Anspruch zu wahren…





