Im Magdeburger Dom befindet sich das berühmte Grabmal von Kaiser Otto I., beziehungsweise Otto dem Großen. Er gilt als Nachfolger Karls des Großen und als Schlüsselfigur in der europäischen Geschichte, weil er das römische Kaisertum wieder nach West- und Mitteleuropa brachte und so den Grundstein für das spätere Heilige Römische Reich legte. Otto I. sorgte dafür, dass Magdeburg im Jahr 968 zum Erzbistum erhoben wurde, was der Stadt an der Elbe wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung bescherte. Daher wurde der Kaiser nach seinem Tod im Jahr 973 im Magdeburger Dom beigesetzt. Seit dem Neubau des Kirchengebäudes im 13. Jahrhundert befindet sich sein Grabmal nun zentral im Binnenchor des Doms und ist ein weithin bekanntes Denkmal.

Seit Januar 2025 wird diese kulturhistorisch bedeutende Grabstätte von Experten der Kulturstiftung Sachsen-Anhalt und des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie (LDA) Sachsen-Anhalt aufwändig saniert und konserviert, um aufgetretene Schäden zu beheben. Dabei analysieren die Historiker und Konservatoren mit modernen Methoden sowohl das Äußere, den steinernen Sarkophag, als auch den darin befindlichen Holzsarg mit den Gebeinen des Kaisers. Im März haben sie dabei zunächst die Deckplatte des Sarkophags abgenommen und näher untersucht. Bereits bekannt war, dass der Trog des Sarkophags aus Kalkstein besteht, die Deckplatte jedoch aus weißem Marmor, der mit dunklen Bänderungen durchzogen ist. Vermutet wurde zudem bereits, dass die Platte in der Antike gefertigt und später für das kaiserliche Grab wiederverwendet wurde.
Marmor aus Prokonnesos statt Carrara
Nun haben ausgewiesene Marmor-Experten aus Wien und Bochum erstmals die Unterseite der Platte untersucht, ihre genauen Maße bestimmt und zwei kleine Bohrproben aus dem weißen und dunklen Gesteinsbereich genommen. Diese Proben unterzogen sie diversen mikroskopischen und chemischen Analysen, um die mineralogischen Charakteristika zu bestimmen. Die Befunde verglichen sie mit bereits existierenden Daten zu rund 7500 Marmorproben aus antiken Steinbrüchen des Mittelmeerraums sowie aus Norditalien und dem Ostalpenraum. Anhand dessen haben die Historiker nun herausgefunden, aus welcher Lagerstätte das Rohmaterial stammt.
Das überraschende Ergebnis: Es handelt sich nicht um Carrara-Marmor aus den Apuanischen Alpen in Norditalien und auch nicht um Cipollino-Marmor von der griechischen Insel Euböa, wie bisher angenommen. Stattdessen stammt der Marmor der Grabplatte aus den Prokonnesos-Lagerstätten auf der türkischen Marmara-Insel im gleichnamigen Meer. Dort wird bereits seit dem siebten Jahrhundert vor Christus sogenannter Prokonnesos- oder Marmara-Marmor abgebaut, bis heute. Dieses Gestein ist überwiegend weiß, weist aber charakteristische graue Bänder mit klar abgegrenzten Kanten und unterschiedlicher Farbintensität auf. In der Antike schnitten die Steinmetze die Marmorblöcke üblicherweise so, dass die Bänderungen der Längsachse folgten. Bei der Grabplatte Ottos sind die grauen Bänder jedoch eng verfaltet und weisen aufgelöste und gezackte Ränder schräg zur Längsachse auf. Demnach wurde dieser Steinblock erst in der Spätantike aus der Lagerstätte gehauen, als diese Technik Mode wurde, schließen die Experten.
Geraubte Marmorplatte aus Ravenna
Ähnliche Werke aus Marmara-Marmor dieses Schnitttyps sind besonders aus Ravenna in Oberitalien bekannt, aber auch aus San Marco in Venedig und der Hagia Sophia in Istanbul. Für diese Bauwerke wurden aus dem weißgrauen prokonnesischen Marmor oft Säulen sowie Platten für Wände und Böden gefertigt. Die Experten vermuten daher, dass sich auch die Grabplatte Ottos I. ursprünglich in einem Gebäude in Italien befand und erst später von dort entwendet und als Beute nach Magdeburg gebracht wurde. Dazu passt, dass der Kaiser etwa zehn Jahre seines Lebens in Oberitalien lebte und dass es damals üblich war, Bauteile antiker Bauwerke aus Rom und Ravenna als Spolien nach Mitteleuropa zu “importieren”. Denn eine Lieferung des Rohmaterials direkt aus den Steinbrüchen der Prokonnesos war zur Zeit Ottos logistisch und politisch kaum möglich.
Quelle: Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt – Landesmuseum für Vorgeschichte





