“Die Schiffe, die Millionen gefangener Afrikaner auf einer Reise ohne Wiederkehr über den Atlantik brachten, sind vielleicht die stärksten Symbole des transatlantischen Sklavenhandels”, sagt Lonnie G. Bunch III, Direktor des National Museum of African American History and Culture (NMAAHC) in Washington. “Diese Entdeckung ist wichtig, denn es hat bisher noch nie eine archäologische Dokumentation eines Schiffs gegeben, das mit Sklaven beladen sank.”
Eisenkugeln und Ketten
Entdeckt wurde das Wrack bereits 1980 von Amateur-Schatzsuchern, doch diese hielten es für Überreste eines frühen niederländischen Frachtschiffs. Das Wrack blieb danach lange Zeit unbeachtet. Erst 2011 stieß Jaco Boshoff, Leiter des internationalen Slave Wreck Projekts (SWP) in einem Archiv in Kapstadt auf den Bericht des Kapitäns des portugiesischen Sklavenschiffs São José. Dieser beschrieb, wie sein Schiff 100 Meter vor der Küste der Stadt auf ein Riff auflief und sank.
Ausgelöst durch diesen Fund begannen nun Taucher im Auftrag des Forschungsprojekts, das Wrack zu erkunden und fanden einige Relikte, die zu den Beschreibungen des Kapitäns passte, darunter zahlreiche Eisenkugeln, die das Schiff damals als Ballast mit sich führte. Auf Unterwasser-Scans sind zudem Relikte von Eisenfesseln zu erkennen. Weil das Wrack zwischen zwei Riffen eingeklemmt liegt und starken Strömungen ausgesetzt ist, ist seine Erkundung durch die Unterwasser-Archäologen schwierig. Bis heute ist daher erst ein kleiner Prozentteil des Schiffs ausgegraben und kartiert, wie die Vertreter des Slave Wreck Projekts mitteilen.
Wichtiges Zeugnis
Aus den Funden und Archivdokumenten schließen die Historiker, dass gut 400 Sklaven aus Mozambik an Bord der São José waren, als sie sank. Ein Teil von ihnen wurde damals gerettet und sofort als Sklaven auf Plantagen in Südafrika verkauft. Mehr als die Hälfte der gefangenen Ostafrikaner aber ertranken in den Wellen. Zum Gedenken an diese Opfer fand am Dienstag, den 2. Juni, an der Fundstelle eine Gedenkfeier statt. Taucher brachten dabei Heimaterde der Gestorbenen aus Mosambik hinunter zum Wrack.
Die Reise der São José im Jahr 1794 gehört zu den frühesten im transatlantischen Handel von Sklaven aus Ostafrika nach Übersee. Mehr als 400.000 Menschen aus Ostafrika wurden allein zwischen 1800 und 1865 von Mozambik nach Brasilien verschleppt. “Die São José ist besonders wichtig, weil sie einen der frühen Versuche repräsentiert, Ostafrikaner in den transatlantischen Sklavenhandel mit einzubringen”, erklärt Bunch. “Dieser Wandel spielte eine entscheidende Rolle für die Verlängerung dieses tragischen Handels um Jahrzehnte.”
Ein Teil der im Wrack der São José wird an das National Museum of African American History and Culture ausgeliehen, wo sie im Herbst 2016 im Rahmen der Ausstellung “Slavery and Freedom” gezeigt werden sollen. Die Ausgrabungs- und Bergungsarbeiten am Wrack gehen währenddessen weiter, gleichzeitig suchen Historiker und Archäologen in Mozambik nach Dokumenten und Hinweisen, mit denen sie Nachkommen der damaligen Sklaven identifizieren wollen.





