In seinem letzten Werk widmet sich der bekannte, 2010 verstorbene Landeshistoriker Paul Sauer einem Stück württembergischer Geschichte, das bisher in der öffentlichen Wahrnehmung eher ein Schattendasein fristete. Im Fokus steht die politische Geschichte des Landes während des knapp fünf Jahrzehnte währenden deutschen Kaiserreichs. Dabei liegt der Schwerpunkt auf dem Beitrag, den das Land zur politischen Kultur in dieser Zeit leistete. „Dieser Beitrag hatte Gewicht“, betont Paul Sauer. Über die Revolution von 1848/49 hinweg konnte in Württemberg der liberale Geist bewahrt werden. Elemente, wie die erstmalige Einführung eines gleichen, unmittelbaren und geheimen Wahlrechts, wie es später für den neu etablierten Reichstag übernommen wurde, belegen dies eindrücklich. Württemberg galt als Vorreiter einer freiheitlichen Entwicklung in Deutschland, was aber zumeist im Widerstand des preußischen Obrigkeitsstaats mündete. So prangerte Kaiser Wilhelm II. nicht nur das liberale Württemberg und dessen Regierungssystem an, sondern ebenso die Politiker, die angeblich mit der Demokratie und Republik liebäugelten. Dennoch behielt Württemberg unter König Wilhelm II. sein freiheitliches politisches Profil während der Kaiserzeit, auch indem der König weiterhin an Ministern festhielt, die in der Missgunst Kaiser Wilhelms II. standen. Trotz der relativ geringen Anzahl an Mandaten, die auf Württemberg im Reichstag entfielen, schafften es die wenigen dort vertretenen Abgeordneten, eine politisch herausragende Rolle einzunehmen.
Auf eindrückliche Weise stellt Sauer in seinem Werk die Wechselwirkung von Land und Reich dar und verdeutlicht, wie Württemberg politisch und gesellschaftlich die Reichsgeschichte beeinflusste und neben freiheitliche auch zukunftsweisende Elemente beisteuerte. Vor allem mit dem Regierungsantritt des jungen Kaisers Wilhelm II. verschlechterte sich das politische Klima und ließ zwischen Stuttgart und Berlin eine Zeit der Irritationen und Spannungen aufkommen. Der liberale Geist Württembergs, in dessen Schatten sich tolerante und fortschrittliche politische Ideen frei entfalten konnten, wurde als existentielle Gefahr für das Reich und vor allem für den Hegemonialstaat Preußen angesehen.
Zwar konnten die württembergischen Politiker die politischen Strömungen des „langen 19. Jahrhunderts“ letztendlich nicht entscheidend verändern oder verhindern und die Katastrophe des Ersten Weltkriegs abwenden, dennoch sollten die Köpfe, die maßgeblichen Anteil an der Entwicklung Württembergs hatten, nicht in Vergessenheit geraten und mit diesem Buch ihrem Platz in der Geschichte zugeführt werden, damit sie in Erinnerung bleiben.
Rezension: Philipp Pilson





