Jeder Besucher, der in der Argolis im Nordosten der Peloponnes über die Schwelle des trutzigen, von gewaltigen Steinquadern umschlossenen Löwentors von Mykene tritt oder die Schranken des hoch ummauerten Torwegs zum Palastzentrum in der Königsburg von Tiryns durchschreitet, gewinnt den Eindruck, in eine überaus kriegerische, ihre militärische Macht monumental zur Schau stellende Welt einzutreten. Beim Blick auf die überall aus gewaltigen Steinblöcken aufgetürmten Burgmauern, Bastionen und Kasematten drängt sich zugleich die Frage auf, was den Untergang dieser imposanten bronzezeitlichen Festungen bewirkt haben mag. Die mit hohem personellem und technischem Aufwand errichteten Verteidigungsbauten überstiegen jedenfalls die Möglichkeiten der Belagerungstechnik ihrer eigenen Zeit (vor allem des frühen 13. Jahrhunderts v.Chr.) gewaltig – und ebenso noch die der klassischen Antike (6./5. Jahrhundert v.Chr.), in der das Mauerwerk noch gut sichtbar war und auch zur Verteidigung der selbständigen kleinen Polis Mykene genutzt wurde: Den damaligen Betrachtern schien, es könne nicht von Menschenhand, sondern nur von Riesen („Kyklopen“) errichtet worden sein. Als ein „Wunderwerk“, das selbst die Pyramiden Ägyptens überrage, beschrieb der griechische Schriftsteller Pausanias (um 115–um 180 n.Chr.) die Mauern von Tiryns.
Prächtige Palastzentren und „kyklopische“ Festungen haben sich in der mykenischen Blütezeit des 14./13. Jahrhunderts nicht nur in der Argolis, sondern vom Süden der Peloponnes aus über Mittelgriechenland bis nach Südthessalien erhoben (Pylos und Amyklai/Sparta; Theben und Athen, aber auch Orchomenos und Kalydon; Iolkos am Golf von Volo). Um jedes dieser alten Herrschaftszentren hat sich ein Sagenkreis des griechischen „Heldenzeitalters“ gebildet – dazu gehörten auch die Sagen vom kretischen „Labyrinth“-Palast aus der Zeit des Urkönigs Minos von Knossos und seiner Nachfolger.
Charakteristisch für die Palastanlagen in Mykene, Tiryns und Pylos ist die Kombination von zentralen, reichausgeschmückten Repräsentationsräumen und Thronsälen mit Depots, Archivräumen und Werkstätten, umrahmt von sekundären Wohnbereichen für das Dienstpersonal. Deutlich tritt hier eine administrative Zentralisierung hervor, die auch das Wirtschaftsleben und die kultischen Belange bestimmte. Alle Palastzentren waren von offenen, räumlich weit ausgedehnten Unterstadtsiedlungen umgeben; ausgebaute Straßenzüge erschlossen zumindest die nähere, dichtbesiedelte Region.
Spätestens seit dem Ende des 14. Jahrhunderts konnte sich kein anderer Herrschersitz mehr mit dem Glanz der Königsburgen von Mykene und Tiryns und der Zahl der dort errichteten königlichen Kuppelgräber messen. So nimmt es nicht wunder, dass um die Mitte des 14. Jahrhunderts in einer Orts- und Ländernamenliste, die sich auf einem repräsentativen Monument für den Pharao Amenophis III. befindet, ein nördlich von Ägypten liegendes Land Danaja bezeugt ist – Seite an Seite mit der im Pharaonenreich seit langem bekannten Insel Kaftar (Kreta). Im Homerischen Epos begegnet uns danaoi als einer der Namen, der die frühgriechischen Kriegeraufgebote vor Troia insgesamt umfasste. Dem Land Danaja aber wurden in der ägyptischen Liste, neben dem Hauptort Mukana/Mykenai und der Insel Kythera, alle wichtigen Küstenlandschaften der Peloponnes zugeordnet; möglicherweise fand hier sogar ein (zeitweiliger) Ausgriff dieses Reiches bis nach Mittelgriechenland Berücksichtigung…





