Nicht nur wir, auch schon die Jäger und Sammler der Steinzeit hatten ein Problem mit faulenden Zähnen. Vor allem nach dem Einzug von Ackerbau und Viehzucht und der damit verbundenen veränderten Ernährung grassierte auch bei ihnen die Karies. Ab wann es erste Versuche gab, die löchrigen Zähne zu behandeln, lässt sich jedoch nur schwer nachweisen. Denn fossile Belege für eine vorzeitliche Zahnmedizin sind äußerst selten. Die bisher ältesten Funde stammen aus der Jungsteinzeit vor rund 9000 Jahren.
Ein internationales Forscherteam um Stefano Benazzi von der Universität Bologna hat nun einen noch älteren Beleg entdeckt. Es handelt sich dabei um den kariösen Backenzahn eines altsteinzeitlichen Skeletts, das 1988 in der Felshöhle von Riparo Villabruna in Norditalien gefunden wurde. Die Überreste dieses Menschen sind rund 14000 Jahre alt.
Steinklingen als Zahnarzt-Werkzeug
“Aufnahmen mit dem Rasterelektronenmikroskop, Profilanalysen der Spuren und der Vergleich mit den rekonstruierten Kaubewegungen zeigen uns, dass im Zahnloch mit Gegenständen manipuliert wurde”, berichtet Koautor Ottmar Kullmer vom Senckenberg Forschungsinstitut in Frankfurt am Main. “Die experimentellen Tests legen nahe, dass die Rillen von sogenannten Mikrolithen, sehr kleinen steinzeitlichen Klingen oder Spitzen von bis zu drei Zentimetern Länge, verursacht wurden.”
Nach Ansicht der Forscher handelt es sich dabei um den Versuch einer zahnmedizinischen Behandlung. Der Steinzeitjäger oder einer seiner Begleiter müssen demnach das Loch im Zahn mit dieser kleinen Steinklinge bearbeitet haben, wahrscheinlich mit dem Ziel, das erkrankte Gewebe zu entfernen. “Unser Fund lässt darauf schließen, dass Menschen schon in der Altsteinzeit wussten, dass von Karies befallene Zähne behandelt werden müssen, indem infiziertes Gewebe entfernt und Löcher im Zahn gereinigt werden”, sagt Benazzi.
Älter als alle bisherigen Funde
Er fährt fort: “Der Villabruna-Backenzahn ist älter als alle früheren Funde, die zahnmedizinische Operationen wie Bohrungen oder Eingriffe am Schädel belegen.” Der zuvor älteste Beleg einer solchen Behandlung stammt aus der Jungsteinzeit und besteht aus menschlichen Backenzähnen mit Bohrlöchern, die in Pakistan gefunden wurden. Der neue Fund ist damit rund 5000 Jahre älter, und er belegt zudem, dass es bereits in der jüngeren Altsteinzeit erste Eingriffe an kariösem Zahngewebe gab.
“Das Entfernen von Essensresten mit Hilfe von Zahnstocher-ähnlichen Werkzeugen beispielsweise aus Holz ist schon von Beginn der Gattung Homo an dokumentiert”, erklärt Marco Peresani von der Universität Ferrara. “Anscheinend wurde diese Gewohnheit weiterentwickelt zu einer schabenden oder hebelnden Behandlung von schadhaften Zähnen, bevor dann die Methode des Bohrens entwickelt wurde.”





