Göttert behandelt bekannte und unbekannte Denker von der Antike bis heute und arbeitet deren Konzepte des „Anständigen“ heraus. Neben Platon, Locke, Kant und anderen großen Theoretikern dürfen auch praktische Ratgeber wie Freiherr von Knigge, der Kants abgehobener „reiner Vernunft“ die „reife“, will sagen: im Alltag anwendbare Vernunft entgegen hielt, nicht fehlen. In der europäischen Geschichte, auf die sich Göttert in seiner Darstellung beschränkt, präsentierte sich Anstand in den verschiedensten Formen: Als „Gesinnung im Verkehr unter Freunden“ (Aristoteles), als Kunst, seine Absichten zu verstellen (Baltasar Gracián) oder als Pflicht, die Mitmenschen im Gespräch mit schönen Komplimenten zu erfreuen (Christian Weise). Daneben begegnet dem Leser auch Witziges, beispielsweise das „Lob der Torheit“ von Erasmus von Rotterdam, der empfahl, die Menschen in ihrer Unzulänglichkeit zu akzeptieren. Göttert beschränkt sich aber nicht nur auf die erbaulichen Seiten des Anstandes, sondern zeigt auch die Perversion eines letztlich bürgerlich verstandenen Anstandsbegriffs in der nationalsozialistischen Ideologie. Unter dem Motto „Morden und anständig bleiben“ appellierte Himmler am 4. Oktober 1943 in Posen an die Härte und das Durchhaltevermögen der SS-Offiziere im nationalsozialistischen Vernichtungskrieg.
Göttert gelingt in seiner Anstandsgeschichte die schwere Kunst, komplexe Inhalte klar und verständlich zu präsentieren. Sicherlich wäre es auch interessant gewesen danach zu fragen, ob und wie die Vorstellungen der großen Denker mit dem „gelebten Anstand“ im Alltag korrespondierten. Allerdings entspricht eine solche alltagsgeschichtliche Perspektive nicht Götterts ideengeschichtlich ausgerichteter Fragestellung.
Rezension: Felix Nothdurft





