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Zeitreise in die Antike
Auch wenn es so scheint, als sei Pompeji unter der Asche quasi mitten im Leben erstarrt, ist es für die Archäologen dennoch mühsam, die alltäglichen Abläufe in der Stadt und die Funktion einzelner Gebäude zu rekonstruieren.
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Die Ruinen von Pompeji zeugen unmittelbar von der langen und wechselvollen Geschichte der Stadt. Manche Perioden zeichnen sich dabei besser im Stadtgefüge ab, manche schlechter. Je weiter wir jedoch in der Zeit zurückschreiten, desto schwerer wird es für die Archäologie, das Aussehen der Stadt am Fuß des Vesuvs zu rekonstruieren. Gegründet wurde Pompeji bereits in der Zeit um 600 v. Chr., möglicherweise als Zusammenschluss verschiedener kleinerer Siedlungen, die in der fruchtbaren, aber überschwemmungsgefährdeten Ebene des Flusses Sarno lagen.
Die steil aufragende Lavazunge (Zeugnis eines früheren Ausbruchs des Vesuvs), auf der die Stadt lag, war nicht nur verkehrsgeographisch günstig gelegen, sondern bot der Bevölkerung auch Schutz vor Feinden und vor Hochwasser. Zum Zeitpunkt der Katastrophe am 24./25. Oktober 79 bestand die Stadt also bereits seit fast 700 Jahren.
Pompeji ist bereits gezeichnet durch schwere Erdbeben
Bevor wir uns mit der Entwicklung der Stadt, ihren Bewohnerinnen und Bewohnern sowie ihren Bauten befassen, muss zumindest kurz die Frage nach den Erhaltungsbedingungen gestellt werden. Haben wir es wirklich mit einer erstarrten Stadt zu tun, in Gänze konserviert nach dem Ausbruch des Vesuvs?
Dem ist leider nicht so. Zum einen war Pompeji im Jahr 79 bereits eine gezeichnete Stadt, schwer in Mitleidenschaft gezogen durch heftige seismische Aktivitäten. Ein starkes Erdbeben, bezeugt durch literarische und bildliche Quellen, suchte Pompeji 62 heim. Und auch in den folgenden Jahren sowie kurz vor dem Vesuv-Ausbruch dürfte die Stadt immer wieder durch Beben gelitten haben. Die Schäden, aber auch deren Reparaturen lassen sich an vielen Bauten der Stadt, besonders am System der Wasserversorgung, noch heute ablesen.
Zudem nahmen die Bewohner bei ihrer Flucht vor dem Vulkanausbruch ihre Wertgegenstände mit oder wollten diese zumindest in Sicherheit bringen. Vieles von dem, was die Menschen besaßen, fehlt also.
Noch gravierender für die Erhaltungsbedingungen der Stadt sind jedoch die Prozesse, die nach der Eruption des Vesuvs einsetzten. Trotz der meterhohen Ascheschicht, welche Pompeji bedeckte, blieben Teile der Stadt nach der Katastrophe sichtbar. Zerstörte Gebäude ragten heraus, Plätze und Höfe waren als Senken erkennbar. In diesen Bereichen startete man auf offizielle Anordnung mit der Wiedergewinnung wertvoller Baumaterialien wie Bronze oder Marmor. Zudem kamen Ortskundige oder frühere Bewohner zurück, um Eigenes zu retten oder Fremdes zu plündern.
Nicht zuletzt hat die über 250-jährige Grabungsgeschichte die Ruinen signifikant durch nachträgliche Zerstörungen, aber auch den Wiederaufbau verändert. Den Zustand der Stadt im Jahr 79 zu rekonstruieren erfordert also ein gründliches Studium der antiken Quellen wie auch der neuzeitlichen Grabungsgeschichte.
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Ein Blick auf den Stadtplan von Pompeji zeigt, dass die Stadt weitgehend von einem rechtwinkligen Straßenraster bestimmt war. Die sogenannten Insulae, von Straßen umgebene Grundstücke, beherbergten in der Regel Wohnbebauung, Gärten sowie Läden und Produktionsbetriebe.
Die Struktur der Stadt einschließlich der sie umgebenden Mauer geht im Kern bereits auf das 6. Jahrhundert v. Chr. zurück. Ein Großteil der Straßen und Bauten, die wir auf dem Stadtplan erkennen können, ist jedoch weit später entstanden. So stammen etwa das große Theater und der angrenzende Isis-
Tempel, der nach seiner Entdeckung in den 1760er Jahren maßgeblich zur Ägypten-Begeisterung in Europa beigetragen hat, aus der Blütezeit der von den italischen Stämmen der Osker und Samniten bewohnten Stadt im 2. Jahrhundert v. Chr.
Andere Bauten wie das ebenfalls angrenzende Odeion – in seiner Bauinschrift als teatrum tectum, als gedecktes Theater bezeichnet – oder das große Amphitheater stammen dagegen aus den jungen Jahren der römischen Veteranenkolonie, gestiftet von römischen Kolonisten.
In der Folge der Bundesgenossenkriege in den Jahren 91 bis 89 v. Chr., als Pompeji nicht nur auf der „falschen“ Seite stand, sondern auch von römischen Truppen erobert und besiegt worden war, wurde die Stadt zur römischen Kolonie. Einige tausend römische Veteranen wurden in der Stadt angesiedelt und machten der einheimischen Bevölkerung Konkurrenz.
Beim Blick auf den rekonstruierten Stadtplan sticht jedoch das in der südwestlichen Ecke des Stadtgebietes liegende Areal ins Auge. Dieses hebt sich durch seine unregelmäßigere Straßenführung und vor allem durch den Straßenzug ab, der diesen Teil der Stadt an seiner Nord- und Ostseite umfängt und vom Rest der Stadt separiert. In der Forschung galt dieser Stadtteil lange als Pompejis ältester Siedlungskern. Da aber weite Teile des Stadtgebietes bereits im 6. und 5. Jahrhundert v. Chr. besiedelt waren, wird diese These in der Forschung bis heute diskutiert.
Ausbau des Forums zeugt vom Wachstum der Stadt
Inmitten dieser sogenannten Altstadt liegt nun mit dem langgezogenen Forumsplatz das Zentrum der antiken Stadt. Betrat man den Platz an einem heißen Sommertag in den Jahren vor dem Vesuv-Ausbruch und flanierte durch die schattigen Säulenhallen, die den Platz damals an drei Seiten umgaben, so öffnete sich dahinter eine Vielzahl unterschiedlicher Gebäude mit unterschiedlicher Funktion. Altehrwürdige Heiligtümer wie der Tempel des Apollon auf der Westseite oder der Tempel für die Kapitolinische Trias – Jupiter, Juno und Minerva – platzbeherrschend an der Nordseite standen neben neueren, aufwendigen Anlagen, die vor allem der Verehrung des Kaiserhauses dienten.
Das Gebäude der Stifterin Eumachia mit seinem großen bepflanzten Innenhof lud im Südosten zum Müßiggang ein, das macellum an der Nordostseite und ein weiterer Markt gegenüberliegend boten Gelegenheit, sich mit Lebensmitteln zu versorgen. Ferner erlaubte eine öffentliche Latrine, ganz anderen Geschäften nachzugehen.
Idealtypisch in seiner Zusammenstellung zeigt ein langes Fresko aus dem Haus der Iulia Felix das bunte Treiben auf dem Forum und in den
angrenzenden Säulenhallen. Wir sehen Szenen des Handels wie den Verkauf von Schuhen, Kleidung und Bronzegerät neben öffentlichen Akten wie den Unterricht von Kindern oder eine Gerichtsverhandlung. Das Fresko zeigt aber auch, wie dicht der Platz an seinen Seiten mit Ehrenmonumenten bestanden war, die als Statue oder Reiterstandbild das Kaiserhaus und
die Honoratioren von Pompeji darstellten.
In besonderem Maß ist das Forum Ausdruck der Geschichte Pompejis, und es entstand im Wechselspiel mit den historischen und gesellschaftlichen Entwicklungen. Wie in vielen Bereichen Pompejis haben wir aufgrund der baulichen Veränderungen der späteren Stadtgeschichte kaum Kenntnis über das Aussehen der frühen Platzanlage seit der Zeit um 600 v. Chr.
Dank verschiedener Forschungsprojekte deutscher Universitäten, an denen auch die Autoren beteiligt waren, wissen wir aber zumindest über die Entwicklung des Südendes des Forums besser Bescheid. An dieser Stelle des Platzes lassen sich zwei zeitliche Perioden fassen, in denen das Forum einen tiefgreifenden Wandel erfuhr. Zum einen in der Zeit um 100 v. Chr., vielleicht noch vor der Niederlage gegen Rom und der Ansiedlung römischer Veteranen, und zum anderen zu Beginn der Kaiserzeit unter der Regentschaft des Augustus (31 v. Chr. – 14 n. Chr.).
Wenn wir uns zuerst der Zeit um 100 v. Chr. zuwenden, so wurde der Platz in dieser Phase zum ersten Mal einer einheitlichen Gestaltung unterworfen. Man pflasterte ihn in den Randbereichen und umgab ihn mit säulengestützten Arkaden (porticus) aus Tuff, einem feinen Vulkangestein. Gleichzeitig legte man Ladenlokale an (tabernae) und trennte den öffentlichen Raum von der anschließenden, privaten Wohnbebauung, die das Bild des Platzes zuvor an vielen Stellen noch dominiert haben dürfte.
Besonders die Errichtung einer monumentalen dreischiffigen Basilika im Südwesten legt Zeugnis vom Selbstbewusstsein der Kleinstadt ab. Der überdachte Bau mit seinem Tribunal dürfte vor allem merkantilen Zwecken gedient haben. Vermutlich eine Reaktion auf die wirtschaftliche Prosperität Pompejis und des gesamten Mittelmeerraums in dieser Zeit. Aber auch der Bau der zweistöckigen, den Platz umgebenden Portikus ist nicht zu unterschätzen. Die Portiken boten nicht nur Schutz vor Sonne und Regen, sondern eröffneten auch Räume für unterschiedliche Tätigkeiten. Aus Rom wissen wir beispielsweise, dass selbst Gerichtsverhandlungen in Säulenhallen stattfinden konnten.
Ein gewaltiger Einschnitt ereignete sich bald nach dem Amtsantritt des Augustus, etwa 100 Jahre später. Waren bis dahin die Portiken im Süden durch eine Rückwand geschlossen und öffneten sich im Südosten nur auf vergleichsweise kleine Ladenlokale, so schuf man dahinter nun gewaltige öffentliche Bauten (Süden) und eine kleine, luxuriös ausgestattete Platzanlage mit einem eigenen Rednerpodium und Nischen für Ehrenstatuen (Südosten). Einzig Teile der alten Portiken und die Basilika wurden weitergenutzt. Gleichzeitig wurde das gesamte Forum nun vollständig mit Travertin gepflastert.
Die Neubauten sind mit wertvollem Marmor verkleidet
Der Platz erfuhr dadurch eine massive Erweiterung, und man schuf ein zusätzliches Angebot an Fläche. Zudem wurden alle Neubauten durch die Verkleidung mit weißem und buntem Marmor aufgewertet. Dies ist heute nur noch zu erahnen, weil man die Stadt nach dem Vesuv-Ausbruch seiner wertvollen Materialien beraubte.
Die Säulenhallen wurden so von einer Begrenzung zu einer Verbindung zwischen dem Platz und den neuen, reichausgestatteten Gebäuden. Leider ist deren genaue Funktion für uns heute nur mehr schwer zu bestimmen.
Das Ziel der Maßnahmen dürfte aber eine räumliche Ausdifferenzierung des Forums gewesen sein. Einer der Bauten am Südende wird wohl als neue curia, also als Versammlungsraum des Stadtrates gedient haben. Der zentrale, die anderen Gebäude überragende Hallenbau könnte Sitz der Priester für den Kaiserkult gewesen sein.
Auch die kleine Platzanlage, früher fälschlicherweise als Wahllokal gedeutet, stellen wir uns als eine Art Multifunktionsraum vor, in dem zahlreiche der für das Forum üblichen Aktivitäten von Handel bis zur Rechtsprechung nachgegangen werden konnte.
Durch den enormen Bevölkerungszuwachs Pompejis war das Forum in augusteischer Zeit schlicht zu klein geworden und wurde daher um öffentliche Räume erweitert. Ein ähnlicher Prozess spielte sich auch in der Hauptstadt Rom ab. Dort reichte das Forum Romanum literarischen Quellen zufolge seit der Herrschaft Caesars nicht mehr für die stark angewachsene Bevölkerung aus und man lagerte deswegen nach und nach Funktionen wie die Rechtsprechung in die neugebauten Kaiserforen aus.
Enge räumliche Verflechtung von Wohnen und Arbeiten
Wenn wir nun das Forum wieder verlassen und eine der zentralen Straßen entlangschlendern, fällt auf, wie eng verwoben anspruchsvolles Wohnen, Produktion, Handel und Gastronomie im antiken Pompeji waren. Wenngleich es Bereiche in der Stadt gibt, in denen sich eindrucksvolle Häuser häufen, existierte keine grundsätzliche Trennung zwischen Arm und Reich. Wichtiger waren die günstige Lage eines Hauses und die Anbindung an die großen Ausfallstraßen. Die Häuser, die wir heute noch betreten können, gehen im Kern oft auf das 2. Jahrhundert v. Chr. zurück. Sie wurden aber in ihrer langen Geschichte immer wieder verändert, umgebaut und an die wechselnden Bedürfnisse ihrer Besitzer angepasst.
Einen besonders guten Einblick in die Wohnverhältnisse im antiken Pompeji eröffnet uns ein Wohnblock (insula), der sich am westlichen Ende der Achse Via Nolana/Via Fortunae befindet. Er ermöglicht uns einen ganz anderen Einblick, weil sich im Moment der Ausgrabungen im Jahr 1810 an der Südwestecke des Gebäudes noch eine auf die Wand gepinselte Mietanzeige erhalten hatte (heute nicht mehr lesbar): „Insula Arriana Polliana des
Gnaeus Alleius Nigidius Maius: Es werden vom nächsten 1. Juli an Ladenwohnung mit Zwischengeschoss, herrschaftliche Apartments und Wohnhäuser vermietet. Interessenten wenden sich an Primus, den Sklaven des Gnaeus Alleius Nigidius Maius.“
Gleich zu Beginn erfahren wir mit Arriana Polliana den Namen des gesamten Wohnblocks. Zudem wird in der Inschrift zweimal der Besitzer der Immobilie, Gnaeus Alleius Nigidius Maius, genannt. Bei diesem handelt es sich um eine der einflussreichsten Personen der letzten Jahre der Stadt (siehe auch Artikel Seite 28).
Wenn wir uns den Grundriss der Insula ansehen und mit der Anzeige vergleichen, fällt auf, dass die beiden Bäckereien und vor allem das zentral
in die Insula eingebettete Stadthaus (früher bekannt als Pansa-Haus) nicht vermietet wurden. In diesem dürfte Nigidius Maius selbst residiert haben.
Das Haus mit seiner Größe und symmetrischen Disposition gehört zu den bemerkenswertesten in ganz Pompeji. Bereits die
gewaltige Fassade verdeutlichte den vorübereilenden Passanten, dass sich hinter dem Eingangstor ein wahrer Stadtpalast verbergen musste. Wenn alle Türen im Haus geöffnet waren, so konnte man vom Eingang über eine Flucht von 50 Metern bis in den hinteren Garten blicken.
Betrat man das Haus, gelangte man zuerst in das Atrium, den zentralen Empfangsbereich. Direkt dahinter schloss sich ein Gartenperistyl mit Säulengängen an. Der Flucht weiter folgend betrat man den Speisesaal, von dem aus sich der Blick schließlich in den Garten öffnete.
Während das herrschaftliche Haus also nicht zu vermieten war, boten sich den Interessenten andere Möglichkeiten in einem bescheideneren Preissegment. Im Erdgeschoss wurden angrenzend kleinere ein- bis zweigeschossige „Einliegerwohnungen“ vermietet. Diese bestanden aus mehreren Räumen. Es fehlten allerdings kleine Gärten und Innenhöfe, wie wir sie bei den größeren Stadthäusern in der Regel finden. Daneben gab es die Möglichkeit, Appartements mit mehreren Zimmern im Obergeschoss anzumieten, zugänglich durch Treppen von der Straße.
Wie auch heute noch versucht wird, Wohnungen mit beschönigenden Bezeichnungen an den Mann oder die Frau zu bringen, so diente die Bezeichnung equestria (ritterlich/herrschaftlich) wahrscheinlich demselben Zweck. Nicht zuletzt konnten Ladenlokale (tabernae cum pergulis) gepachtet werden, welche sich günstig auf eine der zentralen Verkehrsachsen der Stadt öffneten. Mit den eingezogenen Zwischendecken boten sie den Mietern auf engstem Raum die Gelegenheit, Wohnen und Arbeiten miteinander zu verbinden.
Während die Inschrift die gehobenere Stellung des Sklaven Primus und seine Verbindung zu Nigidius Maius verdeutlicht, so wissen wir doch oft nicht, wo die Sklavinnen und Sklaven des Hauses untergebracht waren. In Pompeji lässt sich dies nur an einer Stelle nachweisen, und zwar im ebenfalls
außergewöhnlich großen Haus des Menander. Dort gab es abseits der Empfangsbereiche einen Trakt mit einer Reihe von kleinen Räumen, die durch einen schmalen Gang erschlossen wurden.
Im Haus des Nigidius Maius könnte etwa eines der Ladenlokale an der Front, das mit einer Tür mit dem Haupthaus verbunden war, von einem Sklaven oder Freigelassenen des Hausherrn bewirtschaftet worden sein. Ansonsten dürften Sklaven oft dort geschlafen haben, wo ihr Arbeitsplatz war. Daher hinterließen sie im archäologischen Befund leider kaum Spuren.
Villen und Landwirtschaft im Umland
Wenn wir nun nicht nur das Haus des Nigidius Maius, sondern auch die Stadt im Nordwesten durch das Tor in Richtung Herculaneum verlassen, begegnen wir zuerst den monumentalen Gräbern der wohlhabenden Bewohner Pompejis, gefolgt von reichausgestatteten Villen der lokalen Oberschicht, aber auch der Elite aus anderen Ecken des Reichs, die hier mit Blick auf den Golf von Neapel residierte. Das berühmteste Beispiel ist die Mysterienvilla, benannt nach ihrem großfigurigen Wandfresko.
Im Umland von Pompeji und vor allem an den Hängen des Vesuvs befanden sich neben der Vielzahl an Villen auch einfache landwirtschaftliche Anwesen, die unter anderem Pompeji mit Gütern versorgten. Ein solches fanden Archäologen – etwa 30 Gehminuten von Pompeji entfernt – im heutigen Boscoreale. Die sogenannte Villa Regina, ausgegraben zwischen 1978 und 1983, sowie das zugehörige und gerade wiedereröffnete Museum sind auch heute noch einen Besuch wert.
Das Anwesen gehört mit einer Größe von 450 Quadratmetern zu den kleinsten landwirtschaftlichen Betrieben (villae rusticae) am Golf von Neapel. Leider wissen wir nichts über den sozialen Stand der einstigen Bewirtschafter. Es könnte sich um eine Kleinfamilie gehandelt haben, aber auch um abhängige Sklaven oder Freigelassene eines Großgrundbesitzers. Wohn- und Wirtschaftsräume befanden sich in unmittelbarer Nähe zueinander und waren um einen Hof gruppiert, der aber aufwendig auf drei Seiten von Säulen umgeben war.
Der kleine Betrieb konzentrierte sich besonders auf den Weinbau. Erhalten hat sich noch der Pressraum mit Teilen der Presse. Der Most der Pressung konnte direkt über eine Bleileitung in ein großes Aufbewahrungsgefäß aus Ton (dolium) geleitet werden. Weitere dolia mit einer Lagerkapazität von insgesamt rund 10 000 Litern befanden sich im Innenhof. Scheune und Dreschtenne belegen zudem den Anbau von Getreide.
Die Wohnräume der Villa rustica befanden sich direkt im Eingangsbereich im Erdgeschoss und im ersten Stock. An den Innenhof grenzte zudem eine Küche mit Herdstelle und Ofen an. Vor der Küche in der Wand der Portikus befand sich ein kleines Heiligtum.
Der einzig wirklich repräsentative Raum war ein großer Speisesaal. Dieser war vollständig ausgemalt und öffnete sich so auf den Peristylhof, dass man die Vorratsgefäße nicht sehen konnte.
Besonders spannende Ergebnisse und Einblicke in die antike Lebenswelt lieferte die Untersuchung des Umfelds der kleinen Villa rustica. Die Ausgrabungen brachten nicht nur den Weingarten selbst ans Licht, sondern einen vielfältigen Bestand an Obstbäumen sowie einen kleinen Gemüsegarten. Direkt vor der Tür stand ein Baum, neben dem die Abfälle entsorgt wurden. Aus den hier gefundenen Knochenresten konnte man schließen, dass es vermutlich ein Schwein zum Eigenbedarf auf dem Anwesen gab.
Das Gehöft in Boscoreale war nur einer von ursprünglich vielen Weinbaubetrieben am Golf von Neapel. Der Wein wurde hier nicht nur für den lokalen Bedarf produziert, sondern in erheblichem Maß in den gesamten Mittelmeerraum exportiert. Wichtige pompejanische Familien wie die Eumachii, die Holconii, aber auch die Familie des Nigidius Maius handelten mit Wein und dürften dabei erhebliche Gewinne erzielt haben. Die Ausgrabung der kleinen Villa von Boscoreale erlaubte vor über 40 Jahren zum ersten Mal einen nahsichtigen Blick auf die Weinproduktion am Golf von Neapel.
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