Gerüche rufen in uns tiefe Erinnerungen und Gefühle hervor, sie lassen Vergangenes lebendig werden – beispielsweise aus unserer frühen Kindheit. Doch wie ist es mit den Gerüchen, die den Alltag vor 100 oder mehr Jahren prägten? Auch die Menschen in historischen Zeiten nahmen die typischen Duftnoten ihrer Umgebung wahr und wurden von ihnen beeinflusst und vielleicht sogar geprägt. Doch wie es wirklich vor 150 Jahren in einem Café auf dem Montmartre, in einem vornehmen Salon oder aber auf einem Kriegsschauplatz roch, können wir heute nur erahnen.
Geruchs-Informationen aus 400 Jahren
Aufschluss über die Geruchsgeschichte können jedoch Gemälde und Zeichnungen oder auch schriftliche Dokumente aus diesen Zeiten geben. Denn in ihnen haben Menschen auch damals schon Geruchseindrücke geschildert oder Duftquellen abgebildet – von der wohlriechenden Blume bis zum Dunghaufen im Stall. Diese mal mehr, mal weniger subtilen Hinweise auf die Geruchswelt der Vergangenheit hat nun das europäische Forschungsprojekt „Odeuropa“ erstmals systematisch ausgewertet und interaktiv aufbereitet. Ziel war es, Gerüche und Geruchserfahrungen als wesentlichen Bestandteil des kulturellen Erbes zu verankern – als Mittel, um Emotionen zu wecken, Geschichte lebendig werden zu lassen und multisensorische Verbindungen zur Vergangenheit zu schaffen.

Das Team aus Historikern, Datenwissenschaftlern und KI-Spezialisten hat dafür eine künstliche Intelligenz darauf trainiert, geruchsbezogene Objekte und Gesten in Bildern und Geruchsbeschreibungen in Textdokumenten zu erkennen. Insgesamt analysierte die Forschenden mithilfe ihrer KI-gestützten Methode mehr als 43.000 historische Bilder und 167.000 Bücher in sechs europäischen Sprachen, die in der Zeit von 1600 bis 1920 entstanden sind. Aus all diesen Daten entstand die erste Datenbank zum geruchlichen Erbe Europas, bestehend aus 2,5 Millionen Einträgen. Ein interaktives Webtool, der „Odeuropa Smell Explorer“, ermöglicht es, diese Geruchsdaten aufzurufen und zu durchstöbern. Jeder „Nasenzeugen-Bericht“ – sei er textlich oder visuell – wird in seinem ursprünglichen Kontext präsentiert: dem Buch, aus dem das Zitat stammt, oder dem Gemälde, das die Geruchsquelle darstellt.





