Im Vergleich zur berühmten Forschungsreise nach Südamerika wurde der Zentralasien-Reise wesentlich weniger Aufmerksamkeit zuteil, und auch der Nachhall ist deutlich geringer. Das mag daran liegen, dass dieser Reise, die Humboldt in höherem Alter unternahm (er feierte unterwegs seinen 60. Geburtstag) das Spektakuläre der Südamerika-Reise fehlte. Ein Grund mag auch der hohe Grad an staatlicher Organisiertheit sein, die Humboldt allerdings mit zwei „Umwegen“ von jeweils mehreren tausend Kilometern durchbrach. Schließlich hatte er als vom russischen Finanzminister bestellter Konsultant eine feste Aufgabe, die eine Veröffentlichung sozioökonomischer und damit für das Zarenreich vielleicht unbequemer Reiseerfahrungen verbot.
Nach der dreibändigen Erstveröffentlichung in Paris 1843 und der deutschen Übersetzung 1844 liegt jetzt eine voluminöse Neuausgabe vor, die hohe Beachtung verdient und dazu anregt, Humboldt neu zu entdecken. Dies ist vor allem den Ergänzungen zu verdanken, mit denen der Herausge-ber Oliver Lubrich, ausgewiesener Humboldt-Forscher, den Kerntext umgibt. Er lässt den Reiseablauf lebendig werden, indem er Auszüge aus offiziellen und privaten Briefen Humboldts präsentiert, ebenso Teile von Gustav Roses Ergebnisbericht von 1837/1842.
Vor allem die unterschiedliche Diktion in Humboldts offiziellen und privaten Briefen macht deutlich, wie sehr der Forscher nach außen hin nur als Naturwissenschaftler reden durfte und alle Sozialkritik zurückhielt. Der ebenfalls im Band abgedruckte Bericht, den Humboldt unmittelbar nach Abschluss seiner Reise vor der Akademie der Wissenschaften in St. Petersburg vortrug, weicht aus demselben Grund auf einen wissenschaftstheoretischen Diskurs aus, der alle späten Werke von Humboldt durchzieht und ökologische Zusammenhänge und räumliche Vergleiche betont.
Hier zum ersten Mal ediert werden auch die handschriftlichen Fragmente des sibirischen Reisejournals, die in Humboldts Nachlass enthalten sind: Sie vermitteln einen Einblick in die Intensität der Beobach-tungen, Überlegungen und Berechnungen, die der Forscher unterwegs anstellte, ebenso wie die Abbildungen gesammelter Mineralien, Pflanzen, Schriften und Karten.
Das dreibändige Kernstück der Publikation, Humboldts „Zentral-Asien“, darf über den „Zutaten“ nicht übergangen werden. Die ausführlichen Darstellungen insbesondere zu den zentralasiatischen Gebirgen beruhen weniger auf den Reiseerfahrungen als auf einer gründlichen Auswertung der Literatur; sie entsprechen dem Wissensstand Mitte des 19. Jahrhunderts. Sie sind eine gewisse Konkurrenz, vor allem aber eine Ergänzung zur Asien-Darstellung des Geographen Carl Ritter. Der Text reflektiert Humboldts über Jahrzehnte verfolgte eigentliche Absicht, eine vergleichende Darstel-lung der Gebirge Asiens und Amerikas vorzulegen. Für die heutige Diskussion zur ökolo-gischen Bedeutung der Hochgebirge im globalen Wandel finden sich hier wichtige Vor-überlegungen.





