Das Widmungsbild des Codex Egberti ist, könnte man meinen, eine klare Sache: Im Mittelpunkt der Miniatur sehen wir einen Geistlichen, bekleidet mit einem Meßgewand. In seiner linken Hand hält er einen Bischofsstab. Links und rechts seines Gesichts wird in fortlaufender Schrift der Name des Dargestellten genannt: Egbertus Treverorum Archi…opus (= Archiepiscopus). Es war also Erzbischof Egbert von Trier, für den dieser prachtvolle Kodex hergestellt wurde.
Es handelt sich um ein Perikopenbuch oder Evangelistar: ein Buch, das die wichtigsten Evangelienabschnitte enthält, wie sie im Lauf des Kirchenjahres im Gottesdienst gelesen wurden. Zu Füßen des Erzbischofs und deutlich kleiner als dieser dargestellt, sind auf dem Widmungsbild zwei Mönche zu sehen, die Egbert Handschriften reichen. Auch sie sind namentlich gekennzeichnet: Keraldus und Heribertus Augigenses. Die Mönche stammten also aus dem Kloster Reichenau im Bodensee, lateinisch augia dives. Auf der dem Widmungsbild gegenüberliegenden Seite wird die Reichenau nochmals genannt.
Aufgrund dieser scheinbaren Eindeutigkeit wurde lange vermutet, der Codex Egberti sei im Skriptorium der Insel Reichenau hergestellt worden. Doch heute wird eher Trier als Entstehungsort für wahrscheinlich gehalten. Zu dem Kunstzentrum, das der Erzbischof in Trier einrichtete („Egbert-Werkstatt“), gehörte auch ein Skriptorium. Zu dessen Leiter und zugleich zum Leiter der Goldschmiedewerkstatt soll Egbert den „Meister des Registrum Gregorii“ („Gregormeister“) berufen haben. Wenigstens ist dies in der Forschung vermutet worden und auch durchaus plausibel. Sieben Miniaturen des Codex Egberti tragen seine Handschrift. Und dieser namentlich nicht bekannte Schreiber soll die beiden Reichenauer Mönche Keraldus und Heribertus nach Trier geholt haben. Eine genaue Untersuchung der Schrift und die Tatsache, daß eine verschollene, wohl spätantike Vorlage des Kodex im 11. Jahrhundert von der Malschule im luxemburgischen Echternach benutzt wurde, ließen ebenfalls Zweifel an der Reichenauer Herkunft aufkommen. Sie verstärkten sich noch, als jüngst einer der Hauptschreiber des Codex Egberti mit einem Trierer Domherrn und Custos Capellae der königlichen Kanzlei namens Walker identifiziert wurde.
Doch selbst wenn der Codex Egberti in Trier entstanden sein sollte, wird er zu Recht weiterhin unter die Reichenauer Handschriften gezählt. Dafür sprechen nicht zuletzt die großen Gemeinsamkeiten zwischen dem Codex Egberti und anderen zeitgenössischen Handschriften, die nachweislich von der Reichenau stammen. Daß Ideen für Bilder hin und her gingen, steht außer Frage. Es ist sogar möglich, daß italienische Vorlagen über die Reichenau nach Trier gelangt sind. Es erstaunt immer wieder, wie eng der kulturelle Austausch im frühen Mittelalter war.





