Bernd Stöver ist es zu verdanken, dass ein weithin unbekanntes Kapitel der geteilten deutschen Nachkriegsgeschichte nun gründlich ausgeleuchtet ist: die Geschichte der mehr als 550000 Übersiedler, die gegen den Strom von West- nach Ostdeutschland gingen. Die überwiegende Mehrzahl tat dies vor dem Mauerbau 1961; in den folgenden fast drei Jahrzehnten bis zum Mauerfall waren es immerhin jährlich 1200 bis 2500 Personen.
Stövers Buch ist zweigeteilt. Im ersten Abschnitt befasst sich der Potsdamer Historiker mit den Motiven der vielen namenlosen Menschen, die sich in der DDR bessere Lebensbedingungen erhofften (oder nicht allzu selten vor ihren Schulden, Unterhaltspflichten oder einer Strafverfolgung flohen). Die DDR-Obrigkeit reagierte ambivalent: Einerseits waren die Zuwanderer als Arbeitskräfte und als Beleg dafür willkommen, dass der Realsozialismus auch im Westen Zustimmung erfuhr. Andererseits war man in Sorge, dass sich unter den Neubürgern westliche Spione befinden könnten.
Der zweite Teil des Bandes ist einzelnen Übersiedler-Biographien gewidmet, deren prominenteste sicher die des Kanzleramt-Spions Günter Guillaume, des westdeutschen Verfassungsschutzchefs Otto John und der RAF-Terroristinnen Susanne Albrecht und Inge Viett sind. Lesenswert sind aber auch die Porträts des längst in Vergessenheit geratenen ehemaligen stellvertretenden niedersächsischen Ministerprä‧si‧denten Günther Gereke, der 1952 in die DDR ging, oder des heutigen Chefredakteurs der linkssektiererischen „Jungen Welt“, der 1967 als Bundeswehrdeserteur in die DDR übersiedelte und sich dort unter anderem als eifriger Inoffizieller Mitarbeiter (IM) der Stasi profilierte.
Rezension: Dr. Ulrich Mählert





