Die Welt, in die Rudolf Freiherr von Stillfried-Rattonitz – ab 1861 Graf von Stillfried-Alcántara – am 14. August 1804 im niederschlesischen Hirschberg geboren wurde, war von Umbrüchen und Ambivalenzen geprägt. Die Emanzipation des Bürgertums, die wachsende Politisierung und der Konstitutionalismus auf der einen Seite standen der Beharrungskraft des Adels als politischer Elite und der Monarchie als Regierungsform auf der anderen Seite gegenüber.
Die adelige Sozialisation hatte großen Einfluss auf Stillfrieds Auseinandersetzung mit historischen Themen. Sein Vater führte ihn in die Bibliotheks- und Archivrecherche ein, die sich zunächst auf Adelsbibliotheken und Gutsarchive in Schlesien konzentrierte. Anfangs bezog sich sein Interesse auf die Geschichte Schlesiens und des Adels dieser Region, auf heraldische und genealogische Themen.
Vom Hörsaal ins preußische Machtzentrum
Während seines Studiums der Rechtswissenschaften an der Universität Breslau von 1824 bis 1826 waren die dort lehrenden Professoren wichtige Bezugspersonen für Stillfried. Die Werke der Breslauer Historiker Johann Friedrich Ludwig Wachler, Johann Gustav Gottlieb Büsching und Gustav Adolf Harald Stenzel bildeten nachweislich die Grundlage für seine eigenständige Geschichtsforschung.
Stillfrieds Repräsentationsstreben ließ ihn bald die Nähe zu Angehörigen des preußischen Königshauses suchen. Die erste Begegnung mit Kronprinz Friedrich Wilhelm im Jahr 1830 und die daraufhin entstandene persönliche Beziehung stellten eine wichtige Voraussetzung für Stillfrieds Karriere am preußischen Königshof dar. Im aufstrebenden Machtzentrum Berlin bekleidete er einflussreiche Hofämter: Vom Kammerherrn stieg er bis zum Oberzeremonienmeister auf, er war Gründer und Direktor des Königlichen Hausarchivs sowie Vorsitzender des Heroldsamts.
Die Ausführung dieser Ämter und die damit verbundenen höfischen Pflichten hielten Stillfried jedoch nicht davon ab, eine beachtliche Publikationstätigkeit zu entwickeln: Er wurde zu einem der produktivsten Gelehrten auf dem Feld von Geschichtspflege und Geschichtsschreibung der Hohenzollernmonarchie außerhalb des universitären Milieus. In seinen Selbstzeugnissen stellte er sich als Grenzgänger zwischen der Welt des Hofes und der Welt der Wissenschaft dar: „Ich kann nicht mehr homme de lettres [Schriftsteller] und homme de cour [Hofmann] sein. Eins von beiden ist genug und ich ziehe das erstere vor.“
Für die Forschung zur Historiographiegeschichte ist Stillfried ein lohnender Untersuchungsgegenstand. Anhand seines Wirkens lassen sich grundlegende Fragen zum Verhältnis von Hofdienst, adeliger Tradition und akademischer Wissenschaft behandeln. Die umfangreichen Tagebücher des katholischen Adeligen, seine Korrespondenzen, das bisher wenig beachtete Œuvre und die zu Forschungszwecken angelegten Akten aus dem Gutsarchiv geben wertvolle Einblicke in die alltäglichen Aufgaben eines Hofbeamten und die Arbeitsweise eines Privatgelehrten. Sie zeigen, welchen Einfluss das höfische Umfeld auf Stillfrieds Vergangenheitsarbeit hatte und wie umgekehrt diese Arbeit ihrerseits auf die Art der dynastischen Selbstdarstellung und Traditionsbildung zurückwirkte.





