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Zwischen Vergötterung und Hass
Zum Mythos wurde Napoleon in der deutschen Öffentlichkeit schon früh – sowohl für seine Gegner als auch für jene, die in ihm die Hoffnung auf gesellschaftlichen Wandel sahen. Sein ungewöhnlicher Aufstieg und seine militärischen Erfolge faszinierten die Deutschen. Doch je länger die napoleonische Vorherrschaft anhielt, desto lauter wurden kritische Stimmen.
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“Nein, Bonaparte! Dich zu lieben, ist ferner nicht mehr möglich. Du machst es zu arg. Du thust gerade das Gegentheil von dem, wessen die Moral, die Tugend und Vernunft zu Dir sich versahen. Viele Tausende in Deutschland, die enthusiastisch an Dir hingen, deren Idol du mehrere Jahre hindurch warst, können nicht anders, sie müssen … eingestehn, daß Du nicht einmahl ein außerordentlicher Mann, sondern ein ganz gemeiner Heuchler, ein platter Narr, Summa Summarum, ein Bösewicht geworden bist. … Betrogene Liebe verwandelt sich mit Recht in bittern unversöhnlichen Haß.“ Mit diesen harten Worten wandte sich der preußische Spätaufklärer Hans von Held in seinem 1804 anonym publizierten „Sendschreiben an Bonaparte“ enttäuscht an Napoleon.
Noch ein Jahr zuvor hatte Held in der „Minerva“, einer der einflussreichsten Zeitschriften der deutschen Spätaufklärung, die geplante Englandinvasion, zu der Napoleon seine Armeen an der Kanalküste versammelt hatte, freudig begrüßt. Held kann hier exemplarisch für die enormen Wandlungen stehen, denen das Napoleon-Bild in der deutschen Öffentlichkeit zwischen Spätaufklärung und Befreiungskriegen unterworfen war.
Anfangs hatten viele Zeitgenossen den jungen Korsen zunächst bewundert und verehrt, ja geradezu vergöttert. Der kometenhafte Aufstieg des Revolutionsgenerals, der 1796/97 im Italienfeldzug einen Sieg nach dem anderen errang und sich anschließend auf das waghalsige Abenteuer der Ägyptenexpedition einließ, wurde in der deutschen Presse mit begeisterten Berichten gefeiert. Die Leser waren fasziniert vom militärischen Glanz und kriegerischen Ruhm des Feldherrn. Nicht selten wurde Napoleon in einem Atemzug mit Alexander dem Großen, Hannibal, Julius Caesar oder Karl dem Großen genannt.
Napoleon weckt bei den deutschen Aufklärern die Hoffnung auf Freiheit und Fortschritt
Napoleon erschien anfangs aber nicht nur als überragender General. Die aufgeklärten Zeitgenossen maßen ihm eine viel umfassendere Bedeutung bei. Sie feierten den Korsen hoffnungsvoll als Mann, der auf seinem Siegeszug den Menschen die Freiheit bringen werde. Dieser Eindruck wurde noch stärker, als Napoleon begann, die deutsche Staatenwelt mit dem Reichsdeputationshauptschluss vom Februar 1803 neu zu ordnen. Vor allem für die Bürger in den süddeutschen Gebieten, die von der territorialen Flurbereinigung profitierten, verkörperte der französische Konsul in erster Linie Fortschritt. In der zeitgenössischen Literatur wurde er zum Halbgott stilisiert: Wie Prometheus aus der griechischen Mythologie den Menschen das Feuer gebracht hatte, so werde Napoleon die Ideen der Französischen Revolution in Europa verbreiten.
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Doch auch Revolutionskritiker konnten Napoleon etwas abgewinnen. Sie sahen in ihm den Mann, der dem revolutionären Chaos ein Ende gesetzt hatte. Ausgerechnet Heinrich August Ottokar Reichard, der Herausgeber des konservativen „Revolutions-Almanach“, präsentierte 1798 in seiner Zeitschrift den deutschen Lesern erstmals ein Porträt Napoleons. In seiner später erschienenen Autobiographie zollte er dem Korsen Anerkennung: Napoleon habe für einen geordneten Rechtszustand, den Schutz des Eigentums, die Ehrfurcht vor dem Gottesdienst, eine vernünftige Gliederung der Stände und die Wiederherstellung der Achtung vor der Obrigkeit gesorgt.
Auf die anfängliche Begeisterung folgte jedoch rasch Ernüchterung. Als Napoleon sich 1802 zum Konsul auf Lebenszeit erhob, ließen erste Stimmen Zweifel an seiner republikanischen Integrität verlauten. Der Schriftsteller Johann Gottfried Seume schrieb in seinem Reisebericht „Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802“: „Ich bin dem Mann von seiner ersten Erscheinung an mit Aufmerksamkeit gefolgt, und habe seinen Mut, seinen Scharfblick, seine militärische und politische Größe nie verkannt. Problematisch ist er mir in seinem Charakter immer gewesen, und ist es jetzt mehr als jemals, wenn man ihn nicht geradezu verdammen soll.“ Seit der Schlacht bei Marengo habe Napoleon „nichts mehr im Sinne eines Republikaners getan“ und drohe, „die Freiheit entschieden wieder zu Grabe zu tragen“, so der enttäuschte Seume.
Die Kaiserkrönung erschüttert das Vertrauen unter Napoleons Anhängern
Dass Napoleon sich selbst zum Kaiser ausrufen ließ, markierte schließlich einen Wendepunkt in der öffentlichen Wahrnehmung seiner Person. Bei vielen deutschen Intellektuellen, die mit dem Siegeszug des Korsen noch die Hoffnung auf politische Fortschritte verbunden hatten, schwand die Sympathie mit der Kaiserkrönung am 2. Dezember 1804. Der Komponist Ludwig van Beethoven soll aus Enttäuschung darüber ausgerufen haben: „Nun wird er auch alle Menschenrechte mit Füßen treten, nur seinem Ehrgeize frönen; er wird sich nun höher, wie alle Anderen stellen, ein Tyrann werden!“
Diejenigen, die Napoleon für einen skrupellosen Machtmenschen hielten, sahen sich bestätigt. Manche verliehen ihrer Wut über den Verrat an den Idealen der Revolution publizistisch Ausdruck. Zu ihnen zählte auch Held, der sich in dem bereits erwähnten „Sendschreiben an Bonaparte“ zum „Repräsentanten der öffentlichen Meinung“ erhob. Held warf Napoleon darin die Rückkehr zum Ancien Régime vor: „Wer hätte je vermuthet, daß Dir der Kamm so schwellen würde, um den vormahligen Königen von Frankreich nach zu äffen und den ganzen langen thörichten Kram der Etiquette, womit jene Schwachköpfe sich umgaben, nicht nur wieder ein zu führen, sondern noch zu vergrößern?“, so Helds rhetorische Frage.
Er unterstellte Napoleon zudem die unrechtmäßige Bereicherung auf Kosten der Staatskasse und Vetternwirtschaft. Auch Napoleons Konkordat mit dem Papst stieß bei Held auf Kritik. Viele Aufklärer hatten begrüßt, dass im Zuge der Revolution kirchlicher Grundbesitz in Nationaleigentum umgewandelt worden war. Napoleons Hinwendung zur katholischen Kirche wurde als Rückschritt betrachtet. Darüber hinaus verachtete Held den Korsen dafür, „die Preßfreiheit bis auf die letzte Spur vernichtet“ zu haben. Tatsächlich hatte Napoleon dafür gesorgt, dass die seit der Revolution aufgeblühte Medienvielfalt in Frankreich drastisch eingeschränkt wurde.
Schonungslose Schmähungen und persönliche Angriffe
Helds spickte sein Werk, das zu den schärfsten antinapoleonischen Pamphleten aus dem deutschsprachigen Raum zählte, mit wüsten Beschimpfungen. Diese gingen so weit, dass er Napoleon wegen angeblicher Unfruchtbarkeit verspottete: „Jammerschade, daß Du zum Kinderzeugen nicht fähig bist! Die Menschheit mag gleichwohl der Natur danken, wenn sie verhindert hat, daß eine so häßliche widerliche Personage, eine so bittersaure, finstersinnige, verbißne, kalt heimtückische Gemüthsart, wie die Deinigen, sich nicht fortpflanzen.“ Schließlich rief Held sogar zu einem Selbstmordattentat auf, das dem französischen Machthaber Einhalt gebieten solle.
Die radikale Veröffentlichung sollte für Held noch ein Nachspiel haben. Es war bekannt, dass Napoleon seine publizistischen Feinde mit großer Härte verfolgte. Aus Furcht vor Verfolgung verließ Held nach dem Einzug Napoleons in Berlin am 27. Oktober 1806 die Stadt und floh ins abgelegene Neuruppin, wo er sich in den folgenden Jahren vor den französischen Besatzern versteckt hielt. Dass es ein gefährliches Unterfangen war, die Schrift zu publizieren, war ihm bewusst gewesen. Seinen Verleger hatte er vorab ausdrücklich gewarnt: „Unsere Nahmen müssen schlechterdings unbekannt bleiben. … Kein Mensch hier in Berlin [weiß] das geringste davon, daß dieses Product aus meiner Feder ist.“
Wie rigoros Napoleon mit Kritikern umging, zeigt sein Vorgehen gegen den Nürnberger Buchhändler Johann Philipp Palm. In Palms Verlag war nach der Besetzung Nürnbergs durch die napoleonischen Truppen im Jahr 1806 ein Pamphlet mit dem Titel „Deutschland in seiner tiefsten Erniedrigung“ erschienen. Der Vertrieb der Schrift, welche hart mit Napoleon ins Gericht ging und die drückende französische Besatzungsrealität schilderte, wurde dem Buchhändler zum Verhängnis: Der französische Kaiser ließ ihn zum Tode verurteilen. Die Willkür und Brutalität, mit der die Franzosen Palms Hinrichtung vollzogen hatten, erschütterten die deutsche Öffentlichkeit zutiefst.
Die französische Fremdherrschaft weckt nationale Gefühle
Mit fortschreitender Dauer der napoleonischen Vorherrschaft mehrte sich der Unmut. Die Errichtung des Rheinbunds und das Ende des Heiligen Römischen Reichs, die Niederlage Preußens im Jahr 1806 und die Folgen des Friedens von Tilsit wurden zunehmend als bedrohlich wahrgenommen. Napoleon verlangte von seinen neuen Verbündeten erhebliche Kontributionszahlungen – und er forderte immer wieder deutsche Soldaten für seine Feldzüge. Vor allem aber sahen sich die Deutschen durch die französische Fremdherrschaft in ihrem nationalen Selbstgefühl verletzt.
Die Zeit einer national inspirierten Publizistik begann. Man wandte sich nun im Namen einer deutschen Nation, die es im Kampf gegen die französischen Besatzer erst noch zu schaffen galt, gegen Napoleon. Im Winter 1807/08 hielt der Philosoph Johann Gottlieb Fichte in Berlin seine „Reden an die deutsche Nation“. Eine Kampfverweigerung gegen Napoleon, warnte Fichte, käme einer Vernichtung der deutschen Nation gleich. Auch Schriftsteller wie Heinrich von Kleist und Ernst Moritz Arndt riefen zum patriotischen Widerstand gegen die Franzosen auf. Letzterer richtete seine Wut zudem gegen die deutschen Fürsten des Rheinbunds, die er als „Sklaven“ und „Franzosenknechte“ beschimpfte.
Napoleon wiederum versuchte, nationale Töne zu unterdrücken. Es gab Sanktionen, etwa in Leipzig, wo der Buchhändler Karl Franz Köhler 1808 wegen des Vertriebs antinapoleonischer Bücher verhaftet wurde. Ein ähnliches Schicksal ereilte den Volksaufklärer Rudolf Zacharias Becker, den französische Soldaten 1811 festnahmen und für rund eineinhalb Jahre inhaftierten, weil er einen gegen Napoleon gerichteten Aufsatz in der von ihm herausgegebenen „National-Zeitung der Teutschen“ veröffentlicht hatte.
Im Zuge der Befreiungskriege entfaltete sich schließlich hemmungsloser Hass gegen Napoleon und alles Französische. In Johann Friedrich Schinks „Dem Korsen“ gewidmeter „Schand- und Schimpfode“ zur Feier der Völkerschlacht von Leipzig im Oktober 1813 wurde der französische Kaiser als „Blutsauger“, „Völkergeißel“ und „Weltzertreter“, als „Räuberhauptmann“ und „Henker“ beschimpft und als „menschgewordner Satan“ dämonisiert. Auch der Schriftsteller Joseph Görres – einst hatte er in der von ihm herausgegebenen revolutionsfreundlichen Zeitschrift „Das rothe Blatt“ Napoleon noch als Befreier gefeiert – wurde zu einem erbitterten Gegner des Korsen. Nachdem er 1814 die Leitung des einflussreichen „Rheinischen Merkur“ übernommen hatte, nutzte er das Blatt, um Napoleon – dem er absolute Bösartigkeit unterstellte – literarisch zu vernichten.
Hans von Held hatte Napoleon bereits 1804 ein düsteres Ende prophezeit: „Selbst die Geschichte wird Deinen Nahmen nicht weit tragen, weil dein unmoralischer, arglistiger, boshafter, rasend egoistischer Charakter, unfähig Dich in den hellen heitern Hafen der Unsterblichkeit zu führen, Dich an einen wilden öden Strand treibt.“ Mit dem letzten Teil sollte er richtigliegen. Nach dem Sturz des Kaisers in der Schlacht bei Waterloo am 18. Juni 1815 wurde Napoleons Verbannung auf das abgeschiedene Eiland St. Helena von großem Spott begleitet.
Rückblickend erscheint der Herrscher in neuem Licht
Doch nun begann sich der Blick auf Napoleon erneut zu wandeln. Die wachsende Wertschätzung für den Korsen ging vor allem mit der Enttäuschung über die herrschenden Verhältnisse im Deutschen Bund einher. Viele blickten wehmütig auf die Errungenschaften zurück, welche die französische Herrschaft mit der Einführung des „Code civil“ gebracht hatte. Der Wiener Kongress hatte die Forderungen des deutschen Bürgertums nicht erfüllt. Man erkannte, dass auch die eigenen Obrigkeiten Einheit und Freiheit verhindern wollten und deutsche Patrioten nun verfolgten. Goethe schrieb 1816: „Gott Dank! Daß uns so wohl geschah, Der Tyrann sitzt auf Helena! Doch ließ sich nur der eine bannen, Wir haben jetzo hundert Tyrannen.“
Mit seiner Prognose, dass die Geschichte den Korsen vergessen werde, lag Held allerdings ziemlich daneben. Nachdem Napoleon am 5. Mai 1821 einsam in seinem Exil gestorben war, blühte die literarische Erinnerung förmlich auf. Vor dem Hintergrund der Restaurationspolitik des Vormärz, die die liberalen und nationalen Bestrebungen unterdrückte, sorgten Schriftsteller wie Heinrich Heine für einen neuen Kult um den einstigen Nationalfeind. Für Heine war Napoleon ein Held des Liberalismus, ein „weltlicher Heiland“, wie er 1827 schrieb.
Einen Höhepunkt erreichte der Kult um den einstigen Kaiser 1840, als die sterblichen Überreste Napoleons von St. Helena nach Paris überführt und unter großem Pomp in einem monumentalen Grabmal im Invalidendom bestattet wurden. Heine ließ 1844 in seinem Versepos „Deutschland. Ein Wintermärchen“, in dem er das Ereignis besang, Tränen der Rührung fließen. Ein Ende des Napoleon-Mythos war da keineswegs erreicht. Bis heute übt der schillernde Herrscher Faszination aus – und ist nach wie vor ein unerschöpflicher Gegenstand kontroverser Debatten.
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