Das Maß an Gewalt und Leid, für das Franz Stangl verantwortlich ist, scheint abseits von Zahlen kaum begreiflich: Der gebürtige Österreicher war unter anderem Kommandant der NS-Vernichtungslager Treblinka und Sobibor im besetzten Polen. Hier beteiligte er sich im Zuge der „Aktion Reinhardt“ am systematischen Mord von fast zwei Millionen jüdischen Menschen, Romnja und Roma. Schon zuvor hatte sich der ehemalige Polizist und Gestapo-Beamte in der „Aktion T4“ hervorgetan und unter anderem die Tötungsanstalt Hartheim verwaltet. „Das T4-Kollektiv, das die Euthanasie organisiert hat, bildet später auch das Täterkollektiv der Aktion Reinhardt“, erklärt der Historiker Florian Gregor von der Fernuniversität in Hagen.
Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurde Stangl zwar vorübergehend inhaftiert, konnte aber 1948 aus der Untersuchungshaft zuerst nach Syrien fliehen, später wanderte er nach Brasilien aus und lebte dort zunächst unbehelligt mit seiner Familie unter seinem echten Namen. Erst durch die Recherchen und Bemühungen von Simon Wiesenthal wurde Stangl im Februar 1967 von den brasilianischen Behörden verhaftet und kurz darauf nach Deutschland ausgeliefert. 1970 wurde der NS-Täter vom Landgericht Düsseldorf zu lebenslanger Haft verurteilt wegen der gemeinschaftlichen Ermordung von mindestens 400.000 Menschen. Zwar legten Stangls Anwälte Revision ein, bevor es jedoch zu einem erneuten Prozess kam, starb der Verurteilte im Jahr 1971.
Verzerrtes Bild bis heute
Doch über seinen Tod hinaus ist es Stangl gelungen, die Sicht auf seine Taten und sich selbst entscheidend zu beeinflussen, wie Florian Gregor quasi durch Zufall feststellte. Ursprünglich hatte der Historiker geplant, eine Typologie verschiedener NS-Täter zu erstellen und sie zu vergleichen. Franz Stangl sollte einer von ihnen sein. Bei seiner Archivarbeit wurde Florian Gregor jedoch klar, dass er auf eine wissenschaftliche Leerstelle gestoßen war: „Das, was aus den Quellen über Franz Stangl hervorgeht, stimmt oft nicht mit dem Bild überein, das in der Wissenschaft von ihm zirkuliert. Hier musste ich intensiver nachforschen”, so der Forscher.
Nach genauerem Studium der historischen Quellen kommt Gregor zu dem Schluss: Einerseits wusste sich der Massenmörder in ein strategisch günstiges Licht zu rücken, andererseits kamen jahrzehntelang zu wenig Zweifel an seiner Selbstdarstellung auf. Als entscheidend für das bis heute vorherrschende Bild erweist sich dabei vor allem eine Reihe von Interviews, die Stangl in den neun Wochen vor seinem Tod der britischen Journalistin Gitta Sereny gegeben hatte. Das daraus resultierende Buch erschien 1974. „Auf Grundlage dieses Buchs hat sich ein Bild von Stangl etabliert, das bis heute – größtenteils auch von der Wissenschaft – einfach rezipiert wurde, ohne hinterfragt zu werden“, sagt Gregor. Sereny habe damals zwar durchaus versucht, Stangls Version der Wahrheit kritisch zu reflektieren. „Man muss aber sagen: Letztlich ging sie ihm auf den Leim“, so der Historiker.





